add-lineclose-linedeezerfacebook-fillinstagram-fillitunesloading-fillmenu-linenext-linepause-lineplay-fillprev-linesearch-linespotifysubtract-linetwitter-fillGroupyoutube-fill

Selbstinszenierung: Hey Male, was ist auf Social Media überhaupt noch echt?

Male Geers ist aus der Welt der Nachhaltigkeits- und Selbstliebe-Influencer nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile erreicht die 23-Jährige auf Instagram über sechzigtausend Menschen und ist fest entschlossen, diesen Einfluss zu mehr als nur Werbezwecken zu nutzen. Tagtäglich setzt sie sich für mehr Realität in den sozialen Medien ein, kämpft gegen unrealistische Körperideale und die inszenierte Perfektion eines Instagram-Lebens.

Redakteurin Annika Adler
von Annika Adler2 August, 2021
In der Natur um ihre Heimatstadt Hameln kann Male sich von ihrem Influencer-Job entspannen.

Stattdessen bietet sie ihren Followern Offenheit: zu den harten Mobbingerfahrungen in ihrer Jugend, wie schwierig es ist, sich selbst zu finden und wie beschissen es einem auf dem Weg dorthin auch mal gehen kann. Mit uns hat sie darüber gesprochen, wie offen sie dabei wirklich ist, warum ein Job eben nur ein Job ist und worüber sich Außenstehende in Bezug auf die Social Media Welt bewusst sein sollten.

JetztLosleben: Der Job Influencer ist in manchen Teilen der Gesellschaft noch immer nicht angekommen, die Aufgesetztheit der Social Media Welt verschrien. Warum tust du das, was du tust?

Male: Das ist aus gar keiner bewussten Idee heraus entstanden, ich bin in die Rolle eher hineingewachsen. Ich glaube, die wenigsten Leute entscheiden sich dafür, einfach Influencer oder Influencerinnen zu sein. Ich habe mich schon lange mit Nachhaltigkeit, Veganismus und Selbstliebe auseinandergesetzt. Als ich das Ganze dann geteilt habe, habe ich gemerkt, dass man anderen Leuten damit Mut machen kann. Angefangen hatte es damit, dass ich ein Foto gepostet habe, auf dem man meine Bauchrollen sehen konnte. Eine Freundin hatte mich damals darauf angesprochen und gesagt, dass es echt krass wäre, dass ich das hochgeladen habe und sie sich gut damit gefühlt hat. Das hat mich dazu gebracht, auch mal andere Dinge zu zeigen und zu teilen. Dinge, die eben echt sind. Und so rutscht man irgendwie immer weiter rein, beschäftigt sich immer mehr mit diesen Themen und merkt, dass auch das gut ankommen und andere Leute inspirieren kann.

JetztLosleben: Gerade bei den Themen Nachhaltigkeit oder Veganismus können die Ansprüche der Follower hoch sein. Häufig hagelt es direkt Kritik, wenn klar wird, dass eine Person vielleicht nicht so perfekt ist, wie sie zunächst erscheint. Das baut doch sicher eine Menge Druck auf, oder?

Male: Eine ganz lange Zeit hat es gar keinen Druck auf mich aufgebaut, weil ich wirklich so gelebt habe. Aber dann kamen Phasen, in denen ich das Ganze nicht so hinbekommen habe, wie ich das gewollt hätte. Da habe ich mich selbst gefragt, ob das jetzt noch authentisch ist, wenn ich manche Dinge zeige und manche nicht. Mittlerweile habe ich öffentlich gemacht, dass ich nicht mehr vegan lebe. Die Reaktionen der anderen Menschen haben mich bestärkt, sodass ich mir sagen konnte: Hey, es ist okay. Wir sind alle nicht perfekt. Mach dein Ding und fühl dich wohl damit. Letzten Endes glaube ich, dass ganz viel Druck von einem selbst kommt. Man muss einfach versuchen, sich davon zu distanzieren.

JetztLosleben: Und wie schaffst du es, diese Distanz aufzubauen?

Male: Indem ich mir immer wieder versuche klarzumachen, dass es eben doch nur ein Job ist. Und niemand ist in seinem Job hundertprozentig er selbst. In jedem Lebensumfeld oder bei jeder Person nimmt man irgendeine Rolle ein. Da sind Einsicht und Akzeptanz besonders wichtig. Mir hat es geholfen, mir selbst zu sagen, dass ich gar nicht hundert Prozent perfekt sein kann. Das ist niemand von uns. Never!

Influencerin Male Geers malt und zeichnet gerne, um runterzukommen
Yoga in der Natur gehört fest in Male Geers Selfcare-Routine
In den Sozialen Medien inszeniert Male sich gerne ehrlich und natürlich.
Ihre fertigen Bilder machen die Influencerin Male Geers glücklich

JetztLosleben: Du teilst viele Rückschläge in deinem Leben, sei es, unhappy mit sich selbst zu sein, verlorene Freundschaften oder dass deine letzte Beziehung auseinander gegangen ist. Wo ziehst du die Grenze zwischen dem, was du von deinem Privatleben zeigst und dem, was wirklich ist?

Male: Häufig geht es darum, andere Menschen zu schützen. Es dreht sich nicht alles um mich, um meine Person, die ich in die Öffentlichkeit trage. Meine Internetpräsenz lässt auch immer einen Blick auf andere Menschen in meinem Leben zu. Die Grenze ist ganz klar dort, wo es gilt, erstmal andere Menschen zu schützen. Das ist mir wichtig. Wer nichts in der Öffentlichkeit zu suchen hat bzw. das nicht will, wird nicht gezeigt. Solche Dinge spreche ich ab. Ansonsten passiert das meiste intuitiv. Manchmal merke ich, dass ich selbst noch gar nicht fein mit einer Situation bin oder es mir noch so schlecht damit geht, dass ich nicht bereit wäre, dafür unglaublich viel Kritik zu erfahren. Dann teile ich das nicht – einfach, um mich selbst zu schützen. Erst wenn ich dafür bereit bin, von Anderen ungefragte Meinungen zu bekommen, dann teile ich etwas.

Warum wir uns inszenieren und welche Gefahren das für uns birgt: Kommentar einer Psychologin

Selbstinzenierung ist unter’m Strich eigentlich ein ganz menschliches Bedürfnis. Und es beruht auf der grundlegendsten Charakteristik des Menschen: Wir sind soziale Wesen. Neben Essen und Trinken ist uns wenig wichtiger, als Teil einer sozialen Gruppe zu sein und von ihr anerkannt zu werden. Daran hat sich seit den Anfängen der Menschheit nicht viel geändert. Gehören wir dazu, empowered uns das und stärkt unser Selbstwertgefühl. Am besten funktioniert das natürlich, wenn diese soziale Gruppe besonders stark ist im Gegensatz zu anderen. Selbstinszenierung ist für uns also ein Mittel zum Zweck: Wir können so ein Bild von uns schaffen, das möglichst widerspruchsfrei in die soziale Gruppe passt, der wir uns gerne zugehörig fühlen möchten. Es verschafft uns Anerkennung, vielleicht sogar Bewunderung und das tut gut.

Sich selbst ein wenig in Szene zu setzen ist zunächst nichts Schlechtes und hat nicht unbedingt etwas mit Selbsthass zu tun, wie es häufig unterstellt wird. Problematisch wird es dann, wenn wir unseren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden. Der Mensch ist ein großer Fan von Konsistenz, unsere Werte, das Bild, das wir von uns haben, müssen mit der Realität, also z.B. unseren Handlungen in Einklang stehen. Erschaffen wir uns ein Bild, das so weit weg von der Wirklichkeit ist, dass wir es im echten Leben gar nicht verkörpern können, kann das eine Menge negative Folgen haben. Wir sind unglücklich mit uns selbst, glauben, dass wir nicht mehr dazu gehören würden, wenn wir unseren eigenen Erwartungen nicht gerecht werden. Wir schaffen für uns selbst und für Außenstehende ein unerreichbares Ideal, das mehr oder weniger allen Beteiligten das Gefühl gibt, nicht genug zu sein. Ein Grund mehr also, sich in Selbstakzeptanz zu üben und über das zu definieren, was man wirklich ist – auch im Internet. 

JetztLosleben: Social Media ist meist nur ein Ausschnitt aus der Lebensrealität Anderer, der aber für Außenstehende wie eine kleine, perfekte Traumwelt wirkt. Du bewegst dich in diesen Gefilden, kennst dich aus. Aber macht dich das resistent gegenüber der Selbstinszenierung Anderer?

Male: Nein, überhaupt nicht. Ich habe eher eine andere Betrachtungsweise. Man sieht eben zwei Minuten eines Tages und hat das Gefühl, man hat alles miterlebt. Das ist natürlich Quatsch. Es gibt ganz viele Dinge, die nicht mit der Öffentlichkeit geteilt werden. Sei es Situationen, mit denen man struggelt oder schöne Momente, die man genießen will. Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der immer glücklich ist, der immer nur Glück in allen Lebensbereichen erfährt. Wenn das doch so ist, schön. Dann freut mich das unglaublich. Aber ich glaube, das gibt's nicht. Wir haben alle die gleichen Probleme. Aber wir teilen sie ja auch nicht mit allen Menschen – auf Social Media ist das wie im echten Leben. Da denkt man vielleicht auch mal: Mensch, da hat jemand einen ganz, ganz tollen Job, der muss sicher ein wunderbares Leben haben. Aber auch dort sieht man nur das, was nach außen sichtbar ist oder was die Leute preisgeben. Durch meine Arbeit habe ich dafür einen realitätsgetreueren Blick bekommen. Trotzdem sollte man nicht vergessen: Jeder Ausschnitt gehört zur Realität dieser Person und man lernt dadurch zumindest einen Teil ihres Lebens kennen.

Mehr von Male: Gedankenkarussel

„Gedankenkarussell“, so heißt Males eigener Podcast, der im März 2020 Premiere feierte. In den Folgen spricht sie über alles, was ihr auf dem Herzen liegt: Persönlichkeitsentwicklung, toxische Beziehungen, Meditation oder Selbstliebe. Wer sich dafür ein wenig Zeit nimmt, wird schnell merken, dass sich das Hören anfühlt wie ein tiefgründiges Gespräch unter Freunden. Wenn du Male also noch persönlicher kennenlernen möchtest, ist dieser Podcast genau das Richtige für dich.

Funfact: Gleich in ihrer ersten Folge spricht sie darüber, warum Vergleichen sogar krank machen kann. Hör doch direkt mal rein:

JetztLosleben: Du hast also ein Auge dafür, was real ist und was nur ein Teil des großen Ganzen darstellt. Was denkst du, wie man dieses Bewusstsein auch in der restlichen Gesellschaft stärken könnte? Wie kommen wir weg von dem Gedanken „Mein Leben ist kacke und im Internet ist alles toll“?

Male: Ich glaube, die Bewegung müsste auf der einen Seite mehr in Richtung Aufklärung gehen. Leute müssten in die Schule kommen und den Kindern solche Dinge klarmachen. Medienpädagogik ist so wichtig, da kann präventiv unglaublich viel getan werden. Auf der anderen Seite wünsche ich mir auch von Kolleg:innen, dass sie anders mit diesen Situationen umgehen. Dass eben auch mal schlechte Momente gezeigt werden und man so selbst mehr Bewusstsein schafft. Aber letztendlich ist das jedem selbst überlassen. Wir müssen einfach versuchen, uns einen bewussteren Konsum anzueignen. Manchmal hilft es, sich selbst zu sagen: Hey, wenn mir ein Profil nicht guttut, kann ich gehen. Ich kann mir etwas Anderes suchen oder mich ganz davon distanzieren. Social Media ist nicht alles, ich muss nicht jedem folgen.

JetztLosleben: Du studierst und bist gleichzeitig noch Influencerin, damit hast du quasi zwei Vollzeitjobs. Auf Instagram hast du offen zugegeben, dass das ein ziemlich anstrengender Spagat ist. Wie sieht die Realität eines solchen Arbeitsalltags aus?

Male: Ganz unterschiedlich. Es gibt überhaupt keine Kontinuität. Im Weihnachtsgeschäft zum Beispiel: Da habe ich meistens 18 Stunden täglich gearbeitet und Vorlesungen gehabt. In der einen halben Stunde Vorlesungspause habe ich Stories produziert, in der nächsten eine Kooperation. Ich musste versuchen, die Leute hinzuhalten. Denn letzten Endes macht man beides nur zu 50 Prozent – und das ist schade. Ich finde es unglaublich schwierig, das Ganze für mich in Einklang zu bringen, sodass ich beidem gerecht werde. Tatsächlich bin ich gerade am Überlegen, ob ich mein Studium erst mal pausiere und mich nur auf meine Selbstständigkeit konzentriere. Aber das ist der normale Struggle des Lebens, solche Dinge abzuwägen und sich zu überlegen, was man in Zukunft macht.

(Not so) Fun Facts über das Influencer-Dasein

Males Arbeitsalltag ist hart: jede Menge Überstunden und ganz wenig Planungssicherheit. Dass der Zeitaufwand enorm ist, ist Vielen mittlerweile bewusster geworden. Aber war dir auch klar, dass man als Influencer alles, was man verdient, selbst versteuern muss? Dazu gehören auch Werbegeschenke. Sich gratis den Kleiderschrank aufzufüllen, ist also gar nicht so gratis. Mit der Selbstständigkeit musst du anfangen, dich um alles selbst zu kümmern, was sonst der Staat oder dein Arbeitgeber übernommen haben. Das bedeutet: dicke Order für deine Steuerunterlagen, Altersvorsorge auf eigene Faust und eine private Krankenversicherung, auf die du dich im Fall der Fälle verlassen kannst.  

Gar nicht ohne, oder? Damit bei so viel Mühe der Spaß am Job nicht verloren geht, tut es gut, einen Versicherungspartner an deiner Seite zu haben, der dich unkompliziert unterstützt.

Private KrankenversicherungWeil du eine Versicherung brauchst, die hinter dir steht und nicht im Weg.

JetztLosleben: Trotz dieser harten Realität gibt es vermutlich viele Menschen, die dir nacheifern wollen und den Beruf des Influencers idealisieren. Was würdest du ihnen ans Herz legen wollen?

Male: Das ist spannend. Ich glaube, ich würde betonen wollen, dass man nur einen Teil des Jobs nach außen sieht. Was alles dahinter steckt, wird häufig nicht klar. Es muss einem einfach bewusst sein, dass man viele Jobs in einem hat und dass das ziemlich anstrengend sein kann. Gerade am Anfang bist du deine eigene Steuerberaterin, du bist eine Sekretärin, du bist ein Organisationstalent. Und manchmal bist du – in gewissen Werbesituationen – eben auch eine Schauspielerin. Damit meine ich nicht, dass man etwas darstellt, das man eigentlich nicht darstellen möchte. Aber du hast natürlich gewisse Sachen, die du in Produktionen miteinbringen oder erwähnen musst. Es ist kein Spaß-Beruf, überhaupt nicht. Das muss einem immer bewusst sein, wenn man die eigene Person vermarktet. Du zeigst dein ganzes Leben und es kann ein ziemlicher Druck sein, Leute so nah an dich herantreten zu lassen. Du machst dich super angreifbar, denn die Leute wissen immer ganz, ganz, ganz viel über dich.

JetztLosleben: … und welche Chancen bringt das Influencer-Dasein mit sich?

Male: Der Job gibt einem auf jeden Fall viel zurück. Zum Beispiel, wenn Leute einem schreiben "Du hast mir echt geholfen, durch eine schwere Zeit zu kommen, weil ich gesehen habe, dass du so und so damit umgehst", das ist schön. Das ist irgendwo auch Anerkennung, gerade wenn man den Wunsch hat, wirklich etwas verbessern zu wollen, mit dem, was man tut. Und natürlich kann man auch kreativ arbeiten und hat jede Menge Möglichkeiten. Man kann reisen, man lernt unglaublich viele Leute kennen, man ist total connected, auf ganz vielen verschiedenen Ebenen. Das sind unglaubliche Chancen und Dinge, die Spaß machen und an denen man wachsen kann. Wie in jedem anderen Beruf gibt eben positive und negative Seiten und nicht nur das große Geld, das perfekte Leben und wenig Arbeit. Das ist einfach nicht die Wahrheit.

JetztLosleben: Wenn du Instagram jetzt als Ganzes betrachtest, auch außerhalb der Kreise, in denen du dich bewegst: Wieviel Echtheit steckt da noch drin?

Male: Ich glaube schon, dass da prinzipiell viel, viel Wahres drinsteckt. Nach meiner Erfahrung wird nicht viel gefaked. Es wird eher etwas weggelassen. Aber das, was da ist, was man sieht, ist schon echt. Wie groß dieser Ausschnitt ist, das hängt von jedem selbst ab. Aber man darf sich eben nicht nur große Accounts angucken, sondern auch kleine.

Auch interessant

Weitere Themen