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Habe ich Depressionen?: „Ein diffuses Gefühl – wie verliebt sein, aber mit bösen Schmetterlingen“

„Wir haben eine Sache gemeinsam…“, unterbricht Kurt Krömer seine Diskussion mit Torsten Sträter über dessen erfolglose Karriere in der Spedition seiner Mutter. „…das ist das Thema Depressionen.“ Zu diesem Zeitpunkt, genauer am 23. März 2021 in der ersten Folge der vierten Staffel „Chez Krömer“, thematisiert er damit zum ersten Mal öffentlich diesen Teil seines Privatlebens. Es folgen zwanzig Minuten voller Empathie, Witz und vielschichtiger Anekdoten aus dem Alltag mit der Depression – so real und nah, dass man die coronakonforme Trennscheibe aus der Mitte des Verhörraums reißen möchte. Viele hat diese Zusammenkunft der beiden Künstler bewegt, einige haben sich wiedererkannt. Wir erklären, welche Anzeichen und Symptome einer Depression du vielleicht bei dir beobachtet hast, was sie bedeuten können und wie es jetzt weitergehen sollte.

Redakteurin Annika Adler
von Annika Adler22 November, 2021
Kurt Krömer und Torsten Sträter sprechen in Chez Krömer über die Symptome ihrer Depressionen
Bild: rbb/Daniel Porsdorf

Kurt Krömer, alias Alexander Bojcan, ist Berliner Komiker und Schauspieler. Sein Format „Chez Krömer“ nutzt er dazu, „Freunde oder Arschlöcher“ einzuladen und dem Publikum beim Lauschen des Interviews im Verhörraum selbst zu überlassen, wer in welche Kategorie fällt.

Kurt Krömer in Chez Krömer
Alexander Bojcan als Kurt Krömer. Bild: rbb/Daniel Porsdorf
Die 5. Staffel von "Chez Krömer" läuft seit dem 02.11.21 dienstags um 22.15 Uhr im rbb. Alle Folgen findest du online in der ARD-Mediathek.

Dabei führt er Interviews mit beliebten und unbeliebten Poltikern, selbsternannten Hoheiten und Künstlerkollegen. Die Fragen: Böse bis einfühlsam und doch nur wenig dazwischen. Torsten Sträter ist selbst deutscher Poetry-Slammer, Autor, Komiker und Kabarettist. Seit einigen Jahren thematisiert er seine Erkrankung auch auf der Bühne. 2018 wurde er Schirmherr der Deutschen Depressionsliga, einer Selbsthilfeorganisation von Patienten und deren Angehörigen.  

Bin ich depressiv? Anzeichen und Unterscheidungen

Vorweg: Selbstdiagnosen sind wie beim Großteil der Symptom-Googeleien keine gute Idee. Trotzdem stellen wir hier Anzeichen vor, an denen man Depressionen erkennen kann – weil du als potenziell betroffene Person genauso wenig mit deinen Symptomen allein gelassen werden sollst. Erkennst du dich hier in einigen, vielen oder sogar allen Punkten wieder, solltest du dir die professionelle Meinung eines Arztes oder Therapeuten einholen. Allein schon deshalb, weil es dir vermutlich nicht gut geht und Hilfe in jedem Fall eine gute Idee ist. Wie genau das geht und abläuft, erfährst du im letzten Abschnitt.

Depressiv oder deprimiert?

Depressionen kennen die meisten als die ganz große Traurigkeit. Abseits der Tatsache, dass die zwar eines der Symptome einer Depression sein kann, aber gar nicht muss, führt das zu gewissen Missverständnissen.

Depressionen sind nicht das Gleiche, wie deprimiert zu sein. Das eine ist eine Stimmung, die vorübergeht, das andere eine Krankheit, die dich dauerhaft einschränkt. „Mein Lieblingsspruch war immer: 'Du immer mit deiner scheiß Laune'“, erzählt Krömer Torsten Sträter. „Da habe ich bei einer Person aus der Familie angefangen zu weinen und habe gesagt:

Weißt du, wenn es einfach eine schlechte Laune wäre, würde ich mich freuen. Weil eine schlechte Laune kannst du beiseiteschieben und sagen: 'Dann schiebe ich sie halt weg.' Aber dieser Zustand, der bleibt.

Eine Unterscheidung, die vielen nicht bewusst ist. So müssen Erkrankte häufig hören, sie sollten sich doch bitte einfach zusammen reißen, deprimiert wäre schließlich jeder mal. Nicht selten sagen sie sich das sogar selbst. Doch dass es sich bei Depressionen um ein Krankheitsbild handelt, auf das Betroffene kaum Einfluss haben, fällt dabei unter den Tisch.

Kurt Krömer und Torsten Sträter sprechen bei Chez Krömer über die Anzeichen einer Depression
Bild: rbb/Daniel Porsdorf

Um für dich selbst zwischen den Symptomen einer Depression und einer deprimierten Stimmung zu unterscheiden, versuch dir deshalb folgende Analogie vorzustellen: Letzteres ist der Anflug eines Schnupfens, der dich zwar schwächt, aber den du selbst auskurieren kannst, wenn du dich ein wenig um dich kümmerst. Eine Depression dagegen ist vergleichbar mit einer Autoimmunerkrankung: Dein Körper kämpft gegen sich selbst – auch wenn es logisch keinen Sinn ergibt und keinen Grund dafür gäbe. Da hilft Zusammenreißen oder Teetrinken nicht, die Schwere der Symptome nimmt auf Dauer vermutlich sogar zu, wenn die Krankheit unbehandelt bleibt. In diesem Fall würden die meisten von uns zum Arzt gehen.

Depression oder Trauer?

Eine wichtige Unterscheidung ist außerdem die zwischen einer Depression und Trauer oder Niedergeschlagenheit nach Enttäuschungen oder Schicksalsschlägen. Letzteres unterscheidet sich dabei von einer psychischen Erkrankung wie folgt:

  • Tritt in Wellen auf, die meist auf Gedanken an die entsprechende Erfahrung folgen.
  • Lösen sich auf, wenn die Umstände sich verbessern
  • Es können zwischendurch auch positive Emotionen und Humor durchbrechen
  • Gefühle der Wertlosigkeit und Selbsthass spielen keine bedeutsame Rolle

Die Symptome einer Depression

„Du kannst haben was du willst. Aus dem ganzen bunten Spektrum kannst du wählen – da ist alles mögliche dabei“, beschreibt Torsten Sträter die Vielfalt der Symptome einer Depression.

Kurt Krömer und Torsten Sträter sprechen in Chez Krömer über die Symptome ihrer Depressionen
Bild: rbb/Daniel Porsdorf

„Wie so ein goldener Kessel voll mit Scheiße, der dir über den Kopf geschüttet wird“, ergänzt Krömer. In der Tat ist dieser goldene Kessel randvoll und die Scheiße setzt sich bei jedem Betroffenen anders zusammen. Um seinen Inhalt aufzuschlüsseln und Diagnosen möglich zu machen, werden Krankheiten wie die Depression in Diagnosemanualen auf bestimmte Symptome reduziert. Zu diesen Manualen gehören das ICD-11 der WHO oder das DSM-5 der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (APA). Sie bieten einheitliche Klassifikationssysteme an, auf deren Basis auch Fragebögen u. ä. konstruiert werden.

Depressionen: Eine Defintion nach DSM-5

Nach dem aktuellen DSM-5 werden zur Diagnose einer Depression folgendene Kriterien herangezogen. Dabei kommt es darauf an, wie viele dieser Symptome mit welcher Stärke innerhalb einer bestimmten Zeit auftreten.

•          Depressive Stimmung für einen Großteil der Zeit

•          Deutlich vermindertes Interesse oder Freude an Dingen, die dir vorher Spaß gemacht haben

•          Starke Gewichtszu- oder -abnahme bzw. verminderter oder gesteigerter Appetit

•          Schlafstörungen (zu viel oder zu wenig Schlaf)

•          Müdigkeit oder Antriebslosigkeit

•          Gefühle der Wertlosigkeit oder übermäßige oder unangemessene Schuldgefühle

•          Verminderte Fähigkeit zu denken, sich zu konzentrieren oder sich zu entscheiden

•          Wiederkehrende Gedanken an Tod oder Selbstmord

Die Diagnose ist darüber hinaus abhängig davon, ob es sich um eine wiederkehrende oder alleinstehende Episode handelt oder ob die Symptome bereits chronisch über einen längeren Zeitraum bestehen.Die Diagnose ist darüber hinaus abhängig davon, ob es sich um eine wiederkehrende oder alleinstehende Episode handelt oder ob die Symptome bereits chronisch über einen längeren Zeitraum bestehen.

Solltest du oder jemand, den du kennst, mit solchen Symptome zu kämpfen haben, findest du bei der Telefonseelsorge 24 Stunden täglich einen Ansprechpartner: online oder per Telefon unter 0800 1110111.

Bei der blinden Anwendung allgemeiner Klassifkationssysteme geht die Individualität der Krankheit jedoch verloren. Begleitsymptome wie Panikattacken, starke Vergesslichkeit oder Libidoverlust kommen nicht zur Sprache und auch die emotionale Ebene von Symptomen wie fehlender Antriebskraft wird nicht thematisiert. Dass eine depressive Stimmung nicht bedeutet, dass du die ganze Zeit weinst, sondern auch das Gefühl großer Leere sein kann, wird nicht erklärt. Damit ist eine solche Klassifikation zwar wichtig, aber auch trocken und abstrakt.

Jacken, Hexen und Schmetterlinge

Kurt Krömer beschreibt das Ganze anschaulicher. Drei Jahre sei er von Arzt zu Arzt gerannt: „Ich hatte so ein diffuses Gefühl in mir – so wie verliebt sein, aber mit bekloppten Schmetterlingen, mit bösen. So ein flaues Gefühl, dass ich dachte: 'Ich muss gleich kotzen'“, erklärt er.

Kurt Krömer und Torsten Sträter sprechen in Chez Krömer über die Symptome die Symptome ihrer Depressionen
Bild: rbb/Daniel Porsdorf

Auch Torsten Sträter erinnert sich noch an die Zeit, in der er gar nicht mehr runter von der Bühne wollte, weil er Angst hatte, dass ihn dieses Gefühl einholen würde. „Ich habe gedacht, ich funktioniere gerade ausgezeichnet, ich habe mich auch gut amüsiert währenddessen. Aber es ist eigentümlich, wie eine Depression sofort wieder kommt. Es ist, als würde dir jemand eine dunkle Jacke überlegen, sobald du von der Bühne kommst“, beschreibt er seine Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit abseits seiner Auftritte.

Wie eine alte fette Hexe, die sich bei dir auf den Brustkorb setzt und dich bewegungsunfähig macht

ergänzt Krömer. Mit ihren Worten schaffen die beiden Künstler das, was nur wenige schaffen: ein Bild zu zeichnen von Symptomen, die sich nur wenige vorstellen können, wenn sie sie nicht erlebt haben.

Tausend Probleme, keine Lösung

Ebenfalls zu den großen Schwierigkeiten einer Depression gehört das Lösen von Problemen. Das ist selten bis gar nicht möglich, stattdessen schafft der Kopf der Betroffenen dort Schwierigkeiten, wo keine sind und gaukelt ihnen deren Bedeutsamkeit vor. „Du hättest zu mir sagen können: ‚Du hast 6 Millionen im Lotto gewonnen'“, verdeutlicht Kurt Krömer.

Und ich hätte gesagt: ‚Ich gehe das jetzt nicht abholen. Es ist mir zu schwer, ich habe keine Tasche dafür. Ich muss das versteuern und alles ist scheiße.‘

Dass solche Argumente objektiv häufig nicht logisch sind, ist vielen Betroffenen bewusst. Distanzieren können sie sich trotzdem nicht, denn die kognitiven Verzerrungen, die mit einer Depression einhergehen, sorgen dafür, dass sich die Gedanken trotzdem plausibel anhören und gleichzeitig eine immer weiterführende Spirale an Gedanken auslösen. „Zum Schluss habe ich mich 15 Stunden mit irgendwelchen Problemen beschäftigt“, erklärt Krömer. Wer gesund ist, könne ein Problem direkt angehen oder sich dafür entscheiden, es morgen zu lösen und es bis dahin nicht zu zerdenken. Depression dagegen heiße „Du hast dieses Problem 15 Stunden, du kommst zu keiner Lösung und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los.“

Wenn der Kopf den Alltag nicht mehr mitmacht

Durch diese Art der Gedanken können sich auf lange Sicht die kleinsten Aufgaben zu großen Schwierigkeiten aufbäumen: Duschen, Zähneputzen, Müll rausbringen. Vieles geht nicht mehr. „Meistens sind es keine richtigen Probleme gewesen. Es waren einfach nur Sachverhalte, bei denen wir gedacht haben, dass sie uns überfordern“, führt Torsten Sträter aus. „Ich hatte mal ein kleines Flaschenpfand-Problem. Du kannst dir auch Supermans Festung der Einsamkeit aus Leergut bauen, wenn du möchtest", witzelt Sträter. Im nächsten Satz beschreibt er, wie er ohne Strom alleine zuhause saß, weil er nicht mehr in der Lage war, seine Überweisungen zu tätigen.

Torsten Sträter spricht als Gast bei Chez Krömer über seine Depression
Bild: rbb/Daniel Porsdorf

Auch Kurt Krömer hatte Schwierigkeiten mit Dingen, die einer Person, die nicht unter einer Depression leidet, zunächst absurd erscheinen mögen: „Bei mir war der Peak im letzten Jahr Herbst erreicht, als ich einkaufen gehen sollte. Ich bin morgens um acht Uhr aufgestanden, dachte: 'Okay. Heute Abend musst du kochen für die Kinder. Mach mal eine Einkaufsliste.'“ Daraufhin sei er vier Stunden planlos in der Küche herumgelaufen und habe versucht herauszufinden, welche Dinge er braucht. Auch diese Art der Konzentrationsschwierigkeiten und Unentschlossenheit sind typische Symptome einer Depression.

Dann waren fünf Dinge auf dieser Liste drauf. Und ich war im Supermarkt und habe angefangen zu weinen, weil ich dachte: 'Ich weiß nicht mehr, wie das hier geht.'

Krömer beschreibt die Scham und Angst, die er zu diesem Zeitpunkt empfunden hat – besonders gegenüber seinen Kindern. Wir erwarten von Erwachsenen, dass sie bestimmte Dinge erledigen können, ohne größere Anstrengung. Eine Depression nimmt diese Freiheit und gibt Betroffnenen gleichzeitig noch das Gefühl, sich dafür schämen oder schuldig fühlen zu müssen.

Viele Betroffene können aufgrund ihrer Depressionen im Laufe ihres Lebens zumindest zeitweise nicht arbeiten – und das sollten sie auch nicht. Insgesamt ist die psychische Gesundheit der Hauptgrund für Berufsunfähigkeit in Deutschland. Trotzdem solltest du dich nicht in finanziellen Ängsten verlieren. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung schützt dich, wenn dein Einkommen wegbricht, weil nichts mehr geht.

BerufsunfähigkeitsschutzEine Angst weniger.

Jeder leidet anders

Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, neigen häufig dazu, ihre Probleme gegen die anderer abzuwägen und ihren eigenen Schmerz als weniger bedeutsam oder gerechtfertigt zu bewerten.

Kurt Krömer und Torsten Sträter zum Abschluss ihres Interviews über Depressionen bei Chez Krömer.
Bild: rbb/Daniel Porsdorf

„Man denkt, bei den anderen funktioniert ja alles, nur man selbst ist halt irgendwie doof", beschreibt das Kurt Krömer. Deshalb soll an dieser Stelle gesagt sein: Für jeden fühlt sich eine Depression anders an, nicht jeder hat die gleichen Symptome und die gleichen Einschränkungen im Alltag. Auch wenn du selbst noch fähig bist, alles Wichtige zu managen, vielleicht sogar Erfolg im Beruf, in der Schule oder im Studium hast – man muss nicht erst komplett am Boden sein, damit es einem schlecht gehen darf. Auch Menschen, die nach außen hin zu funktionieren scheinen, können nach innen hin enorm leiden. Kurt Krömer und Torsten Sträter sind dafür die besten Beispiele. „Ich bin bis zum Schluss noch aufgetreten, bis einen Tag vor der Klinik", erzählt Krömer. Kurz vor seinem Aufenthalt hatte er noch vier Auftritte: „Das war die beste Zeit meines Lebens, also immer diese zwei Stunden auf der Bühne. Davor war scheiße. Danach war scheiße.“

Wie geht es weiter?

Wenn du dich selbst in den beschriebenen Symptomen und Anzeichen von Depressionen wiedererkennst, solltest du möglichst schnell abklären lassen, ob alles in Ordnung ist. Dabei musst du keine Angst davor haben, dass deine Probleme „nicht groß oder wichtig genug“ sind oder es anderen vielleicht schlechter geht. Solche Abklärungsgespräche bestehen genau zu diesem Zweck: nämlich um zu klären, warum es dir nicht gut geht und welche Handlungsoptionen du jetzt hast. Einen Therapieplatz bekommst du (leider) eh nicht sofort, deshalb kannst du ihn auch niemandem wegnehmen. Stattdessen hast du im ersten Schritt drei Optionen:

  1. Wende dich an deinen Hausarzt. Besonders, wenn ihr ein vertrauensvolles Verhältnis habt, kann die Hemmschwelle hier um einiges niedriger sein. Doch nicht jeder Hausarzt hat Erfahrung mit psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder ist frei von Vorurteilen. Wenn du dich unwohl oder nicht ernst genommen fühlst, empfehlen wir Option 2.
  2. Hol dir einen Termin zur Psychotherapeutischen Sprechstunde. Das geht in wenigen Klicks online, beim E-Terminservice der 116 117 – du musst dafür nur auf der Seite einen Vermittlungscode anfordern. Mit diesem Code werden dir alle Termine für die Psychotherapeutische Sprechstunde in deiner Nähe angezeigt, die meisten davon sind relativ zeitnah. Das ist der beste Weg, um möglichst umkomplizit und schnell den Rat eines Experten einzuholen.

Was ist die Psychotherapeutische Sprechstunde?

Es handelt sich dabei um ein Angebot, dass zur Abklärung deines Therapiebedarfes dient (nicht den Beginn einer Therapie). Normalerweise sind hier drei Stunden à 50 Minuten (oder sechs à 25 Minuten) möglich, in denen geklärt werden soll, was genau nicht stimmt und was du jetzt tun kannst (z. B. Therapie suchen, Selbsthilfegruppe, Gruppenbehandlung etc.). Viele Therapeuten werden jedoch bereits nach einer Sprechstunde eine solche Empfehlung abgeben.

Achtung: Leider bedeutet ein Termin für die Psychotherapeutische Sprechstunde nicht automatisch einen Therapieplatz. Der Therapeut oder die Therapeutin wird dir aber erklären, wie die Suche funktioniert und kennt vielleicht sogar Kollegen, deren Wartelisten gerade kürzer sind.

  1. In akuten Notfällen solltest du dich direkt an den psychiatrischen Notdienst wenden oder in die Notaufnahme fahren. Hast du Angst, dich selbst zu verletzten, hast du darüber hinaus die Möglichkeit, direkt den Rettungsdienst oder die Polizei zu verständigen – die sind für solche Notfälle ebenso zuständig wie für andere.

Psychotherapeuten finden: So läuft die Suche

Hat dein Behandler in der Psychotherapeutischen Sprechstunde Therapiebedarf festgestellt, solltest du dich auf die Suche nach einem Therapieplatz machen. Einen Psychotherapeuten zu finden, gestaltet sich jedoch häufig schwierig, denn die Wartelisten sind lang – meist mehrere Monate. Melde dich am besten telefonisch bei der Krankenkassenärztlichen Vereinigung. Hier bekommst du Nummern und Adressen von Therapeuten, bei denen du dich auf die Warteliste setzen lassen kannst.

Einfacher geht es, wenn du privat krankenversichert bist. Denn viele Psychotherapeuten sind zwar entsprechend qualifiziert, bekommen aber aufgrund der stark begrenzten Anzahl keinen Kassensitz, weshalb die gesetzlichen Versicherungen eine Therapie dort nicht zahlen. Therapeuten, die nur privat abrechnen können, arbeiten genauso gut und haben eine wesentlich kürzere Warteliste.

Private KrankenversicherungWeil deine mentale Gesundheit nicht Monate warten kann.

Für Angehörige und Freunde: Do’s and Don‘ts

Auch für das Umfeld kann eine Depression eine starke Belastung sein. Vor allem wegen der vollkommenen Hilflosigkeit: Häufig haben Angehörige oder Freunde das Gefühl, tatenlos dem Leiden der ihnen nahestehenden Person zusehen zu müssen. Das ist nicht leicht, doch leider lässt sich eine solche Krankheit nicht durch Aufmunterungen heilen. Du kannst also nur versuchen, selbst möglichst gut mit der Situation umzugehen, um die Belastung des Betroffenen zu reduzieren. Aber bitte: Du bist weder der Puffer für Launen, noch ist es deine Aufgabe, 24/7 zur Verfügung zu stehen oder den Fels in der Brandung zu spielen. Zieh deine Grenzen, sprich selbst mit Leuten zur Unterstützung und mach dir bewusst, dass nur professionelle Hilfe auf Dauer eine echte Lösung ist – du kannst und sollst das nicht alleine stemmen.

Abseits dessen können diese Do’s and Don’ts beim Umgang helfen:

Do’s:

  • Verständnis und Geduld aufbringen
  • Depressionen als Krankheit ernst nehmen
  • Unterstützung in alltäglichen Dingen anbieten, z. B. als Fahrdienst, beim Telefonieren oder Termine im Blick behalten
  • Im Umgang klar suggerieren, dass die Meinung und Gefühle von Betroffenen genauso viel wert sind wie die jedes Anderen – auch wenn sie dir vielleicht im ersten Moment nicht logisch erscheinen
  • Dem Betroffenen klar machen, dass eine Krankheit einer Behandlung bedarf (ebenso wie man bei physischen Schmerzen zum Arzt geht)
  • Unterstützung bei der meist langwierigen Therapeutensuche

Don’ts:

  • Auf Andere hinweisen, die es deiner Meinung nach „schlechter“ haben. Solche Aussagen sprechen den Betroffenen ihr Leid ab, das sie sich ja nicht rational ausgesucht haben.
  • Über den Kopf der Betroffenen hinweg entscheiden, was gut für sie ist (außer natürlich es geht um ihre körperliche Unversehrtheit).
  • Dinge wie vergessene Verabredungen, das Ablehnen von Angeboten oder Abweisung persönlich nehmen. So etwas tut weh, hat aber nichts mit dir zu tun.
  • Eigene Empfehlungen abgeben – die sollten nur von Psychotherapeuten oder Psychiatern kommen.
  • Einfache Ursachen als Grund der Krankheit benennen. Das chemische Ungleichgewicht, das einer Depression zu Grunde liegt, kann durch viele Dinge bedingt werden und ist nicht mal eben wieder aufzulösen. Zu wenig frische Luft, zu wenig Sport – solche Vermutungen sind häufig Halbwahrheiten, die die Schwere der Symptome und Erkrankung verharmlosen.
  • Die Logik der Gedanken hinterfragen oder ihnen vehement widersprechen. Eine Depression lässt Gedanken logisch erscheinen, die rational nicht unbedingt begründbar sind. Zum Beispiel fühlen sich viele Betroffene nicht liebenswert oder sehr unattraktiv. Selbstverständlich sollst du dem nicht zustimmen. Erkenne aber an, dass die Person diese Gedanken tatsächlich hat und nimm sie ernst, anstatt ihr ihre Gefühle abzusprechen.

„‘Depression ist ein Tabuthema.' Und dann dachte ich: 'Ey, deine Mutter ist Tabuthema.'“

Kurt Krömer hat nun, wie Torsten Sträter, den „Tabubruch“ begangen und über seine Erkankung gesprochen. Diese Aufklärungsarbeit ist ebenso wichtig wie der Einsatz für mehr Therapieplätze und kürzere Wartelisten.

Denn über die eigene Depression zu sprechen, kann hart sein – und ist leider immer noch schambehaftet. So ging es auch Kurt Krömer. Darüber reden sollte man trotzdem, findet er: „Du hörst immer: 'Ja, Depression. Depression ist ein Tabuthema.' Und dann dachte ich: 'Ey, deine Mutter ist Tabuthema.' Warum? Wenn ich jetzt sage, ich bin depressiv gewesen – wo liegt da das Tabu?“ Und er hat Recht. Immer mehr Betroffene reden über ihre Erfahrungen, machen sie zugänglich für andere Erkrankte, Angehörige und den Rest der Gesellschaft. Die Message: Du bist nicht allein. Auch Torsten Sträter bewegt das: „Ich hatte gerade ein bisschen Tränen in den Augen, weil ich dachte: Sieh wieder, wir sind mehr. Wir sind wieder mehr. Zwei jetzt schon“, sagt er zu Kurt Krömer kurz vor Ende des Interviews. „Ist doch traurig, oder?“, entgegnet der. „Nein, nichts davon ist traurig.“

Falls dich interessiert, was Kurt Krömer und Torsten Sträter ansonsten zum Thema Depressionen und dem Aufenthalt in Kliniken zu sagen haben oder wie Krömer und Autor Benjamin von Stuckrad-Barre zu Antidepressiva stehen, schau doch mal bei „Chez Krömer“ in der ARD-Mediathek vorbei!

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