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Landwirt werden: „Es ist toll, zu wissen, wie viel Arbeit hinter der Produktion von Lebensmitteln steckt“

Früher fuhr meine Mutter jedem Samstag mit mir auf einen nahegelegenen Hof, um frisches Obst und Gemüse zu besorgen. Dort erwarteten mich jede Menge freilaufender Tiere und ein fröhlicher, älterer Herr mit Latzhose, Flanellhemd, Hut und immer einen Halm Stroh im Mundwinkel: Bauer Heine. Er zeigte mir, wo ich legefrische Eier sammeln konnte, und steckte mir heimlich selbstgemachte Marmelade zu. Es hat knappe 15 Jahre gedauert, bis mir meine Mutter eröffnete, dass mein Bilderbuch-Bauer in Wahrheit eine Werbefigur war, die zur Unterhaltung der Kinder auf dem Hof diente. Ein Schock, der keiner hätte sein müssen. Schließlich ist es logisch, dass es wesentlich mehr braucht als einen Hut und Weizenhalme, um ein echter Bauer zu sein. Und, dass es noch einige Hände voll mehr Jobs gibt, die die Landwirtschaft ausmachen.

Redakteurin Annika Adler
von Annika Adler29 September, 2021
Hannes und Steffen von Tipkes Hofkontor sind junge Landwirte mit Gemüse

Hannes und Steffen Tipke kauen meines Wissens nicht regelmäßig auf Halmen herum – trotzdem bereiten sie mit ihrem Engagement und ihren Produkten vielen Menschen große Freude. Allen voran sich selbst. Beide sind ausgebildete Agrar-Betriebswirte, die ihre Leidenschaft für die Landwirtschaft im elterlichen Milchviehbetrieb entdeckt haben. Angefangen mit einem Eierhandel besitzen sie mittlerweile ihr eigenes Hofkontor in Hollenbeck, in dem sie regionale und saisonale Lebensmittel von Landwirten aus der quasi-Nachbarschaft vertreiben. Aber Hannes und Steffen sind keine reinen Verkäufer: Seit kurzem bauen sie selbst Dinkel an und habe sich eigene Wiesenhennen zugelegt. Wir haben mit ihnen über ihr Herzensprojekt und den Weg dorthin gesprochen.

JetztLosleben: Warum macht euch das Projekt Tipkes Hofkontor eigentlich so glücklich?

Tipkes Hofkontor: Wir haben die Möglichkeit uns selbst zu verwirklichen! Wir können Dinge selbst gestalten, so wie wir es uns vorstellen und wünschen. Das Schwierigste an solch einem Projekt ist immer die Vermarktung bzw. sich diese aufzubauen. Steht die Vermarktung erstmal und funktioniert gut, kann man das Projekt beliebig weiter hochskalieren. Das ist eben das Tolle dabei. Das bedeutet: Wir vermarkten ein Produkt erfolgreich, welches wir von Dritten einkaufen und wenn wir merken, dass dort weiteres Potenzial besteht, können wir probieren, selbst in die Produktion bzw. Verarbeitung einzusteigen.

Nachhaltige Landwirtschaft Familie Tipke von Tipkes Hofkontor

JetztLosleben: Ihr teilt eure Leidenschaft für die Landwirtschaft mit der Instagram-Welt. Doch sicher ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Was ist das Beste, was das Anstrengendste an eurem Job?

Tipkes Hofkontor: Das Beste ist das Zusammenarbeiten mit der Familie. Der eine mag das lieber, der andere weniger. Wir schätzen es sehr und ergänzen uns untereinander super! Außerdem lieben wir es, das komplette Jahr draußen in der Natur zu sein. Zu sehen, wie die Pflanzen und Tiere wachsen und sich entwickeln und man dann später z.B. das eigene Mehl oder Brot aus dem selbst angebauten Getreide vermarkten und natürlich auch essen kann. Es gibt viele Gründe, die für unseren Job sprechen.

Anstrengend sind oft die langen Tage, die eigentlich durchgeplant sind, und am Ende aber doch komplett anders laufen. Es gibt immer viele ungewisse Dinge in unserer Branche. Gefühlt: Was heute noch richtig ist, kann morgen schon komplett falsch sein. Das macht es oft sehr schwierig, langfristig die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber solange einem die Arbeit Spaß macht, hat man einen anstrengenden Tag oft am nächsten Morgen wieder vergessen.

Landwirt werden: dein Weg in die Branche

Dein Einstieg in die Landwirtschaft kann unterschiedlich aussehen. Du hast ganz klassisch die Option, eine der zahlreichen Ausbildungen, z.B. zum Landwirt zu machen und diese durch Weiterbildungen oder ein anschließendes Studium in speziellen Bereichen zu ergänzen. Einen Überblick über die verschiedenen Berufe und Ausbildungsstätten in Niedersachsen kannst du dir auf Talente gesucht verschaffen. Alternativ steht dir auch das Bachelor-Master-System offen. In Niedersachsen kannst du Landwirtschaft zum Beispiel an der Universität Göttingen oder an der Hochschule Osnabrück studieren. An letzterer bietet dir die Fakultät für Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur noch zwölf weitere Studienschwerpunkte an, die dich in der Landwirtschaftsbranche interessieren könnten. Hast du besonders Lust, technische Abläufen genauer unter die Lupe zu nehmen, könnte z.B. „Bioverfahrenstechnik in Agrar- und Lebensmittelwirtschaft“ etwas für dich sein. Die Uni Göttingen bietet darüber hinaus internationale Studiengänge wie „Sustainable International Agriculture“ an oder gibt ihr im „Ökosystem-Managment“-Studium die Möglichkeit, die Schnittpunkte aus Agrarwissenschaften, Forstwissenschaften und Geowissenschaften besser kennen zu lernen. Alternativ kannst du zeitgleich zum Studium direkt Praxiserfahrung sammeln und Geld verdienen – auch ein duales Studium ist in der Landwirtschaftbranche problemlos möglich.

Frauen von Tipkes Hofkontor präsentieren frisches, nachhaltiges Gemüse
Tipkes Hofkontor Hofladen mit nachhaltigem Gemüse
Frisches Gemüse aus Tipkes Hofkontor
Junge Landwirtin beschenkt kleinen Jungen mit nachhaltigem Gemüse

JetztLosleben: Ihr habt lange vor allem regionale Produkte von Landwirten aus der Umgebung vertrieben. Jetzt habt ihr euch entschieden, selbst Dinkel anzubauen. Wie kam es dazu?

Tipkes Hofkontor: Durch Zufall ist ein Kontakt zu einem benachbarten Bäcker entstanden. Dieser war auf der Suche nach alten, regionalen Getreidesorten für seine Backwaren. Da Dinkel heutzutage so beliebt ist wie selten zuvor, lag es nahe, diese Getreideart selbst anzubauen und uns somit ein Alleinstellungsmerkmal in der Region zu schaffen. Es ist ein tolles Gefühl, den Anbau selbst in der Hand zu haben und zu wissen, wie viel Arbeit tatsächlich hinter der Produktion von Lebensmitteln steckt.

Inzwischen haben wir auch eigene Wiesenhennen, die fleißig „Tipkes Landeier“ legen, die wir wiederum sowohl im Hofladen als auch auf dem Wochenmarkt anbieten. Weitere Ideen und Projekte bezüglich der Urproduktion aus eigener Hand sind in Planung.

Frische Eier aus nachhaltiger Haltung bei Tipkes Hofkontor

JetztLosleben: Für Außenstehende bedeutet Landwirtschaft nicht selten früh aufstehen, Kühe melken und auf dem Trecker sitzen. Die Realität sieht natürlich anders aus. Welche Karrieremöglichkeiten bietet die Landwirtschaftsbranche?

Landwirte Tipke sprechen über Anbau von nachhaltigem Dinkel

Tipkes Hofkontor: Landwirtschaft ist super vielfältig und es gibt so viele verschiedene und komplexe Themenfelder. Überall werden Fachkräfte und Leute, die sich trauen, Verantwortung zu übernehmen, gesucht. In der jetzigen – vielleicht auch manchmal schwierigen ­– Zeit kommt man bestimmt hin und wieder ins Grübeln. Nichtsdestotrotz wollen die Menschen mit guten und sicheren Lebensmitteln versorgt werden, die irgendwo produziert werden müssen. Eventuell wird das Ganze irgendwann anders ablaufen, als es nun von statten geht, aber produziert und hergestellt wird auch in Zukunft. Gewiss müssen wir uns auf Umstellungen einstellen, wir denken aber, wer das kann und sich dem nicht komplett versperrt, wird immer eine Daseinsberechtigung haben und auch vernünftig wirtschaften können.

Die Landwirtschaftsbranche befindet sich im Wandel: Großbetriebe dominieren, die Zahl der kleineren Betriebe sinkt. Auch die Veränderung des Klimas und das damit einhergehende Risiko für Unwetter sitzt als fiese Angst in den Hinterköpfen vieler Landwirte. Was viele nicht wissen: Du kannst dich gegen all die speziellen Risiken absichern, die dich davon abhalten könnten, in die Branche einzusteigen. Eine Landtechnikversicherung schützt dich z.B., wenn es mit deinen teuren Maschinen oder Anlagen Schwierigkeiten geben sollte. Unwetterschäden, die zu Ernteverlusten führen, kann eine Ertragsausfallversicherung oder eine Pflanzenversicherung übernehmen. Solche Ängste sind also natürlich, aber kein Hindernis!

JetztLosleben: Ihr seid beide ausgebildete Agrar-Betriebswirte. Lief eure Ausbildung so, wie ihr sie euch vorgestellt habt?

Tipkes Hofkontor: Ja, auf jeden Fall. Die Ausbildung war in allen Hinsichten definitiv eine gute Entscheidung, um erstmal einen groben Überblick über die Dinge zu bekommen, die in anderen Betrieben anders oder zum Teil auch besser laufen als zuhause. Man erreicht dadurch eine Art Weitsicht.

Die konnten wir durch spätere Auslandsaufenthalte und in der Fachschule Agrarwirtschaft bzw. dem Studium weiter ausbauen. In Sachen Produktionstechnik und BWL fühlen wir uns gut vorbereitet. In Sachen Vermarktung etc. mussten und müssen wir uns ganz viel selbst beibringen und einfach ausprobieren.

JetztLosleben: Das heißt auf eurem beruflichen Weg haben sich auch Hindernisse aufgetan?

Tipkes Hofkontor: Natürlich. Wir haben immer wieder mit unerwarteten Dingen im normalen Tagesablauf zu tun, die es zu managen gilt. Das betrifft die Landwirtschaft sowie den Handel, ganz klar. Aber das ist normal und gehört ja irgendwie auch zum Selbstständig sein dazu. Eben die Feuer löschen, wenn sie auftreten.

Es gibt keine Probleme, nur Lösungen

Die definitiv größten Schwierigkeiten, die wir sehen, sind die riesen Berge an Bürokratie. Es bedarf enorm vieler Telefonate oder Treffen und damit eben kostbarer Zeit, um ganz oft Kleinigkeiten geregelt zu bekommen. Das ist schade und macht manchmal müde, weil man einfach nicht weiß, wer nun z.B. für einen zuständig ist bzw. wann oder ob man endlich die passende Antwort bekommt.

Frauen präsentieren nachhaltig angepflanztes Gemüse

Landwirt werden: Das bedeutet Selbstständigkeit

Selbstständigkeit ist kein Zuckerschlecken, schließlich bist du für dich und deinen Betrieb verantwortlich. Das Jonglieren von Tagesgeschäft, unerwarteten Brennpunkten und administrativem Krimskrams kann manchmal überfordern. Die gute Nachricht: Du musst nicht alles selbst machen. Unsere Versicherungsberater stehen dir kompetent zur Seite und beraten dich hinsichtlich aller Aspekte deines Betriebes. So hast du feste Ansprechpartner, die den Überblick behalten und dir jede Menge Arbeit abnehmen.

Jetzt Versicherungsberater findenEs muss nicht immer alles kompliziert sein.

JetztLosleben: Gibt es bestimmte Aspekte, die Laien oft vergessen, wenn sie über eine Karriere in der Landwirtschaft nachdenken?

Tipkes Hofkontor: Landwirtschaft ist oft ein sieben Tage Job. Es muss in vielen Bereichen gearbeitet werden, wenn Freunde, die einem anderen Beruf nachgehen, frei haben. Nicht immer sind die Arbeitszeiten konstant. In den Erntezeiten gibt es oft lange Tage und es muss eben gearbeitet werden, wenn das Wetter es zulässt. Wir sind in der Landwirtschaft schon ziemlich stark vom Wetter abhängig.

Wem das alles aber keine Angst macht, der kann sich sicher sein, einer super spannenden und umfangreichen Tätigkeit nachgehen zu können, die einen wirklich erfüllt. So geht es zumindest uns!

Tipkes Hofkontor Familie in der Landwirtschaft

Hannes und Steffen sind offen für Besucher und zeigen jedem Interessierten gerne, was sie machen, wie sie es machen und wieso sie es machen. Ihnen ist es wichtig, dass Transparenz gelebt wird. Reichen dir die Einblicke aus diesem Interview oder über Instagram also nicht, schau gerne mal bei Tipkes Hofkontor vorbei!

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