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Handwerksberufe für Frauen: Die Anpackerinnen

Drei Interviews mit starken Frauen im Handwerk zeigen: Es kann sehr erfüllend sein, bei der Berufswahl scheinbar ungewöhnliche Pfade einzuschlagen und sich von sogenannten Männerdomänen nicht abschrecken zu lassen.

Redakteurin Annika Adler
von Annika Adler6 Oktober, 2021
Frau im Handwerk ist als Dachdeckerin tätig
Das Wichtigste in einer Minute

Die Zahlen zu Frauen in Handwerksberufen dümpeln auch in Niedersachsen auf niedrigem Niveau vor sich hin. Wer jedoch mit Handwerkerinnen spricht, trifft auf selbstbewusste Frauen, die großen Spaß und Erfüllung im Job finden – und die sozialen Medien nutzen, um ihre Erlebnisse zu teilen und andere Frauen im Handwerk stark zu machen. Drei Interviews – mit einer Dachdeckermeisterin, einer Anlagenmechanikerin und einer Brauereimeisterin – zeigen, dass das Handwerk voller kreativer Chancen und viel Eigenständigkeit für Frauen steckt, auch wenn es Querschläger gibt, die ab und zu nerven.

Ganz oben mitmischen: Dachdeckerin Jaqueline Gerschler

Wenn Jaqueline Gerschler mit Freunden durch Niedersachsen tourt, ist es immer ein bisschen so, als sei sie im Freilichtmuseum ihrer persönlichen Arbeiten unterwegs: „Ach, guck mal, das Dach dort hab‘ ich gemacht!“ Das sei ein richtig gutes Gefühl sagt die 37-jährige Dachdecker-Meisterin und: „Da bin ich dann richtig stolz.“ 2007 startete sie ihre Lehre, 2011 hatte sie bereits ihren Meisterbrief in der Tasche.

Jaqueline Gerschler setzt sich für anderen Frauen im Handwerk als Dachdeckerin ein
Jaqueline Gerschler, Dachdeckerin. Foto: Hans und Jung

Heute ist sie gleichberechtigt mit ihrem Mann Chefin ihrer eigenen Dachdeckerei. „Gerschler Bedachung“ hat sein Lager in Garbsen und macht Homeoffice in Brockdorf. Obwohl Jaqueline Gerschler ihr Handwerk glücklich macht, hat sie sich, bis sie 21 war, „nicht auf dem Dach gesehen“. Die Männer in der schwarzen Cordkluft, die sie als Kleinkind ständig um sich hatte, schienen weit weg: „Das war einfach ein Männerberuf für mich.“

Gerschler hatte als Teenager Lust auf was Kreatives, auf Partyorganisation, Eventmanagement und machte erst einmal eine Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation. Was wesentlich trockener als gedacht war. Nach einer Auszeit im Ausland folgten Praktika und Job-Experimente. Eines Tages ging es dann raus auf die Baustelle: „Es war ein schöner Herbsttag, die Sonne schien, die Leute machten eine leichte Arbeit, den Anschliff eines Balkons. Da dachte ich: Das kann ich auch.“ Nach einer Woche auf der Baustelle meldete sie sich in der Berufsschule zur Ausbildung als Dachdeckerin an. 

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Loslegen, Vlog starten, Mut machen

Sie habe sich immer wohl gefühlt in der Kolonne der Dachdecker, von den männlichen Kollegen nie dumme Sprüche kassiert. „Als junge Meisterin wurde ich aber manchmal von Kunden unterschätzt. Heute habe ich gelernt, Aufträge von Kunden, die mich kleinreden wollen, einfach nicht anzunehmen.“ Gerschler weiß, was sie kann und dass es ein Luxus ist, sich diese Freiheit zu nehmen und sich die Arbeitszeit selbst einteilen zu können.

Nicht nur deshalb hat sie den Meister gemacht, es gab auch noch einen anderen Grund: „Ich hatte nach der Lehre einfach das Gefühl, den Prozess des Lernens noch nicht abgeschlossen zu haben, es war mir zu wenig Wissen. Schließlich ist die Verantwortung in meinem Beruf riesig.“ Frauen, die ins Handwerk wollen, rät sie: „Macht Praktika, um zu fühlen, was ihr in den unterschiedlichen Berufen lernen könnt. Fangt an, euch zu fragen, was ihr sein möchtet. Es gibt 131 verschiedene Handwerksberufe, in denen ihr eure Kreativität ausleben könnt, diese Möglichkeiten solltet ihr nicht links liegen lassen.“

Jaqueline Gerschler ist Frau im Handwerk und steht vor Dachdecker Gerüst
Foto: Hans und Jung

Jaqueline Gerschler engagiert sich in der Nachwuchsförderung bei „Wir Dachdecker“ und teilt ihr Wissen in den sozialen Medien. In ihrem Vlog erfahrt ihr unter anderem, welche Fördermittel es für die Dachsanierung gibt, wie Balkon-Upgrades funktionieren und was Attika und Traufe sind. Außerdem könnt Jaqueline in Aktion sehen: „Es ist toll, dass man durch die sozialen Netzwerke viel mehr von anderen Handwerkerinnen mitbekommt. Das ändert was!“ Hier geht’s übrigens zum Online-Stammtisch für junge Frauen, die sich für handwerkliche Berufe interessieren.

Frauen im Handwerk: Zahlen und Fakten aus Niedersachsen

Wer übergreifende Zahlen und Fakten sucht, wendet sich am besten an die Landesvertretung der sechs Handwerkskammern in Niedersachsen (LHN). 2020 waren in Niedersachsen 7.524 Lehrlinge von insgesamt 42.789 weiblich, damit liegt der Anteil der weiblichen Lehrlinge im niedersächsischen Handwerk bei 17,6 %. Wer sich die Berufssparten genauer anschaut, erkennt jedoch schnell, dass Frauen nach wie vor handwerklich vorwiegend in den klassischen „Frauensparten“ unterwegs sind: Die 10 stärksten Ausbildungsberufe von Frauen sind: Friseurin, Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk – Schwerpunkt Bäckerei, Kauffrau für Büromanagement, Augenoptikerin, Zahntechnikerin, Malerin und Lackiererin, Kraftfahrzeugmechatronikerin, Tischlerin, Hörakustikerin und Konditorin. Im Metall- und Elektrohandwerk, wo Sophia Zens (siehe Story unten) tätig ist, sind aktuell gerade mal 3,6 % der Azubis Frauen, im Bau sind es ebenfalls nur sehr magere 9,2 %.

Anpacken mit Wow-Effekt: Anlagenmechanikerin Sophia Zens

„Du musst sagen, wenn Du nicht mehr kannst“: Den Spruch hört Sophia Zens gleich zu Beginn eines TV-Beitrags über ihre Lehre als Anlagenmechanikerin von einem Kollegen, gut zwei Köpfe größer und wohl fast doppelt so schwer wie sie selbst. Beide steigen eine enge Treppe hinab, die behandschuhten Hände an einer 40-Kilo-Therme. Sophia lacht auf und wuchtet die Last mit ihrem Kollegen nach draußen, natürlich ohne schlapp zu machen.

Sophia Zens ist eine junge Frau im Handwerk
Sophia Zens, Anlagenmechanikerin

Die 22-Jährige hat es vor dieser schweißtreibenden Lehre schon mal als Fitnesstrainerin und Steuerfachangestellte probiert. Warum jetzt dieser sehr handfeste Job? „Eigentlich hatte ich schon immer Lust, ins Handwerk zu gehen. Mein Vater ist Tischler und daher kannte ich diesen Beruf gut. Irgendwie fehlte mir aber der Mut zu diesem Schritt. Dann habe ich einfach mal ein zweimonatiges Praktikum in einem Heizungs- und Sanitärbetrieb gemacht. In einer Anzeige hatte ich gesehen, dass die jemanden suchen. Und dann habe ich gemerkt: Das ist ja gar nicht soooo schlimm.“, sagt Sophia lachend.

Eine Untertreibung, denn das Verlegen von Rohren, die Beseitigung von Rohrverstopfungen, die Montage von Badmöbeln, das macht Sophia Zens schlicht und einfach Spaß. Hört die zierliche Frau oft solche Kommentare wie den von ihrem Kollegen? „Klar, das kommt schon vor, vor allem von älteren Handwerkern, die es nicht gewohnt sind, dass eine Frau voll mit anpackt. Oft höre ich aber einfach auch nur „Wow!“ und das ist dann schon ein Erfolgserlebnis.“ 

Alles nur Drecksarbeit? Ein Vorurteil

Seriös ausgedrückt hat Sophie Zens es in ihrem Berufsalltag mit Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik zu tun. Nur, dass die meisten Menschen dafür weniger seriöse Worte benutzen: Sie nennen es „Gas, Wasser, Scheiße“. „Dabei habe ich oft auch im Neubau zu tun, eine völlig saubere Arbeit.“ Das Montieren von Dachrinnen gefalle ihr am besten: „Ich mag das Löten und die Arbeit an der frischen Luft.“

Sie sei jetzt im zweiten Lehrjahr und sehr gut in ihrem Betrieb angekommen. Welche Ziele hat sie? „Ich möchte meinen Meister machen, bei einem sehr guten Abschluss könnte ich ein Stipendium dafür bekommen. Darauf arbeite ich hin.“ Letztes Jahr fiel leider ein einmonatiger Lehraufenthalt in Schweden aus, den sie über das Erasmus-Plus-Programm machen wollte. Doch das möchte sie nachholen, um die Arbeitsverhältnisse in anderen Ländern kennenzulernen.

Wie Jaqueline Gerschler veröffentlicht auch Sophia Zens Bilder aus ihrem Job-Alltag auf Instagram: „Wenn ich etwas poste, fasse ich das, was ich gelernt habe, nochmal zusammen, denke nochmal drüber nach. Das ist gut für mich. Außerdem macht es mir Mut, wenn ich andere aus der Bauszene sehe, die auf Social Media aktiv sind und zeigen, was sie können.“ Der Hashtag #Frauenpower ziert ihren Kanal und zieht sich ganz offensichtlich auch durch ihr Leben.

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Je bitterer desto besser: Braumeisterin Doreen-F. Gaumann

Junge Braumeisterin ist eine der wenigen Frauen im Handwerk
Doreen-F. Baummann, Braumeisterin. Foto: Mirko Christmann

In Sachen Genuss sind die Prioritäten für Doreen-F. Gaumann klar gesetzt: „Essen muss mich einfach nur satt machen. Aber wenn ich Bier trinke, will ich was erleben.“ Ein gutes Bier, so die 30-jährige Braumeisterin, müsse „Kante haben und sagen: Hallo, hier bin ich.“ Es müsse überraschend sein, ein echtes Statement, oder einfach richtig gut zu einem Essen passen. Die Leidenschaft für handgemachtes Bier führt bei Doreen-F. Gaumann sogar so weit, dass sie ihr eigenes Craft Beer mit zum Festival nimmt. „Voll dekadent“, lacht sie. Die Liebe zum Bier hat sie sich allerdings erst erarbeiten müssen.

Vor elf Jahren, als sie ihre Lehre zur Brauerin und Mälzerin begann, mochte sie den Gerstensaft nicht einmal. „Mit 19 nach dem Abi habe ich mich für Naturwissenschaften interessiert und dachte, Lebensmittel, das ist ein cooler Bereich. Ich bin dann auf die Suche nach einer Ausbildung gegangen, weil ich Geld verdienen wollte und dann durch einen Tipp meines Vaters über eine Anzeige von Beck‘s gestolpert, die Brau-Azubis suchten.“ Als sie daraufhin die Berufsbeschreibung nachgeschlagen habe, gefiel ihr, was sie las, sie bewarb sich und bekam die Lehrstelle. 

Klischee-Killer: Brauerin mit Piercing

„Ich bin da damals ganz naiv rangegangen. Dass im Job überwiegend Männer arbeiten, wurde mir zwar gesagt, ein Riesenproblem hab‘ ich darin aber nicht gesehen.“ Nerviger als die Tatsache, manchmal unterschätzt zu werden, sei das wahnsinnig klischeebeladene Bild des Brauers – männlich, bärtig, urgemütlich mit Schürze: „Ich hatte damals Piercings und habe auch Interviews gegeben. Da wurde ich dann schon mal gebeten, doch bitte die Piercings rauszunehmen und eine Schürze umzubinden.“ Dass sie damit überholte Klischees bedienen sollte, war Doreen-F. Gaumann klar, ihr Selbstwertgefühl am Anfang der Lehre aber noch im Wachsen begriffen. Heute würde sie solche Bitten ausschlagen.

Schon während ihrer Lehre wurden ihr zwei Dinge klar: Wie facettenreich und spannend das Handwerk des Brauens ist und dass ihr Herz für Bremen schlägt. Eineinhalb Jahre verbrachte sie während ihrer Lehre an der Weser und war hin und weg von der für sie perfekten Mischung aus Kultur und grünem Umfeld. Nach einer beruflichen Station bei Diebel’s an der holländischen Grenze und einem Jahr des Meisterabschlusses in München kam dann die Chance, Ort und Job perfekt zu matchen: „Im Juli 2015 hab‘ ich meinen Meister gemacht und dann von der Wieder-Eröffnung der Union Brauerei gelesen. Da hab‘ ich mich initiativ beworben, wurde genommen und bin im August nach Bremen gezogen.“

BerufsunfähigkeitsschutzVolle Power und viel Erfahrung sind das wichtigste Kapital im Handwerk. Doch was passiert, wenn ein Unfall oder ein anderes Unglück die Arbeitskraft zerstört?

Lass uns über den Frosch im Mixer reden …

In der Union Brauerei Bremen, einer inhabergeführten, freien Handwerksbrauerei, ohne Anschluss an einen Getränkeindustriekonzern, stimmt seit sechs Jahren einfach alles für Doreen-F. Gaumann: „Hier war‘s zum ersten Mal rundum positiv, ich habe ein supergeiles Team und kann genau das machen, was ich an meinem Beruf schätze.“ Und das wäre? „Ich lieeebe Verantwortung, verantwortlich für die Produktionsplanung zu sein und neue Biere zu entwickeln.“ Aktuell tüftele sie gerade an einer saisonalen Sorte, einem Pumpkin Ale. Wenn das fertig sei, werden zusammen mit dem Marketing die Etiketten entworfen, das alles sei „Selbstverwirklichung pur“.

Hat die Craft-Beer-Bewegung dazu geführt, dass Biere, die nicht dem deutschen Reinheitsgebot entsprechen und deren Zulassung erst bei der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz beantragt werden muss, mehr Wertschätzung erfahren? „Durch die Craft-Beer-Bewegung hat sich viel getan, individuelles Handwerk wird viel mehr geschätzt.“

Doreen-F. Gaumann erzählt auch davon in ihrem Podcast „Malzen und Hopf“, den sie zusammen mit Hörfunkreporter Wolle Loock produziert. Dafür treffen sie sich seit 15 Folgen mit lustigen Titeln wie „Frosch im Mixer“ oder „Bier darf halt nicht scheiße schmecken“ dort, wo in Sachen Bier alles beginnt: im Sudhaus der Union Brauerei Bremen. Dabei reden sie über die verschiedenen Brauarten und zum Beispiel über Bier-Cocktails oder Bier-Wein-Hybride. Der Podcast und auch die Kommentare auf Instagram würden sie weiterbringen, sagt Doreen-F. Gaumann: „Ich will mich ausleben. Bei Instagram finden die Leute cool, was ich mache und fragen auch immer wieder, ob sie sich das vor Ort anschauen können. Und zwei der Mädels, die das super fanden und uns in der Brauerei besucht haben. Da hat sich das Ganze doch schon gelohnt.“

Was will eine Frau, die beruflich so ganz und gar angekommen ist, noch reißen im Job? „Ich mache nächstes Jahr zwei Seminare in Österreich, es gibt so viele Dinge dazuzulernen. Und ich freue mich total auf die Eröffnung unseres zweiten Brauerei-Standortes. Da können wir dann mit innerer Ruhe alles einbringen, was wir in den letzten sechs Jahren gelernt haben.“ Für Doreen-F. Gaumann gibt es ganz offensichtlich noch reichlich anzupacken und viele positive Erfahrungen zu sammeln: „Je bitterer, desto besser“, sagt sie und lacht.

3 Tipps für Frauen, die ins Handwerk wollen von Dr. Hildegard Sander, Hauptgeschäftsführerin der Landesvertretung der Handwerkskammern Niedersachsen (LHN)

1 Einfach ausprobieren

Ein Praktikum gibt immer einen guten Einblick in den Beruf, den Ausbildungsbetrieb und die Arbeitsabläufe. Wenn man unsicher ist, sollte einfach Kontakt zur Ausbildungsberatung der zuständigen Handwerkskammer aufgenommen werden. Wichtig ist: Einfach machen und ausprobieren!

2 Engpässe nutzen

Handwerk bietet in allen Feldern ganz erhebliches Potenzial bis hin zur eigenen beruflichen Selbstständigkeit. Handwerkliche Dienstleistungen und Produkte sind sehr gefragt, Engpässe an qualifizierten Handwerkerinnen und Handwerkern zeigen sich in allen Bereichen.

3 Zukunft sichern

Ein Schwerpunktthema der nächsten Jahre wird die Klima- und Energiewende sein. Als Ausrüster der Klima- und Energiewende spielt das Handwerk mit seinen vielen klimarelevanten Handwerksberufen eine zentrale Rolle, z.B. im Bereich der nachhaltigen Anlagen- und Gebäudetechnik. Junge Frauen sollten sich bei dieser Wende einbringen, sie mitgestalten und sich nicht abschrecken lassen. Frauen können das!

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