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Selfcare: Ein Plädoyer für mehr Verantwortungslosigkeit

Eine heiße Wanne: Selfcare. Gesichtsmasken für zehn Euro: Selfcare. Ein Tag ohne Instagram-Story: Selfcare. Das ist das Bild, das uns die sozialen Medien und viele ihrer Influencer vermitteln. Als Psychologin kann ich dir sagen: Das ist nicht mal ein Bruchteil von dem, was Selfcare wirklich bedeutet.

Redakteurin Annika Adler
von Annika Adler13 Oktober, 2021
Party-Tisch mit Sektgläsern und Konfetti symbolisiert die Verantwortungslosigkeit, die es für Selfcare manchmal braucht

Was Selfcare heißt, können wir in erster Linie aus der Übersetzung des Wortes schließen: Selbstfürsorge. Das mag in manchen Ohren hochgestochen klingeln. Einfach gesagt bedeutet es, dass wir uns um uns selbst kümmern. Nehmen wir diese Aufgabe ernst, hat das laut psychologischer Forschung eine ganze Reihe an positiven Effekten: Wir sind ausgeglichener, glücklicher, sozial verträglicher und können besser mit Stress umgehen. Klingt erstrebenswert ­– wenn das Konstrukt Selfcare nur nicht so abstrakt wäre. Was bedeutet es überhaupt, sich um sich selbst zu kümmern?

Zum Unterschied zwischen Körperpflege und Selfcare

Ganz oft wird uns Selfcare als Ausgleich verkauft – zum Beispiel um die Balance zwischen stressigem Alltag und freier Zeit wiederherzustellen. Dieser Gedanke ist nicht ganz falsch. Wir müssen uns die Zeit nehmen, uns auf uns selbst zu konzentrieren, wenn uns das ständige produktive Funktionieren nicht irgendwann ins Burnout treiben soll. Aber sollten wir uns nicht ein wenig mehr gönnen, als einfach nur nicht kaputt zu gehen? Ist es nicht eher das Mindestmaß unseren Körper mit gelegentlichem Sport, Ruhe oder Kosmetik zu pflegen? Echte Selfcare geht einen Schritt weiter. Bei ihr geht es nicht nur darum, immer wieder das Pflänzchen unseres Selbst zu gießen, damit es nicht vertrocknet. Die Idee ist stattdessen, dieser Pflanze den richtigen Dünger zu geben, damit sie groß und stark wird. Eine Gesichtsmaske oder ein Tag mit weniger als fünf Stunden Bildschirmzeit wird dafür nicht ausreichen – ist jedoch ein Schritt in die richtige Richtung.

Junge Frau mit Blüten im Haar steht für Selbstliebe und Selfcare

Drei Wege: Achtsamkeit, Grenzen und Verantwortungslosigkeit

Wie wir unser Pflänzchen düngen, das funktioniert für jeden anders. Dabei kommt es ganz darauf an, welche Aspekte unseres Alltags sich besonders negativ auf uns auswirken. Und auf Dinge, die uns in Maßen vielleicht Spaß machen, in Massen jedoch erdrücken. Ganz besonders bei Letzterem müssen wir ehrlich zu uns selbst sein. Es kann gut sein, dass dir die Zeit, die du mit deinen Kindern verbringst, zu viel ist – auch wenn du nicht in Vollzeit Mama oder Papa bist. Oder dass dir dein neuer Job zwar Spaß macht, aber die tägliche Verantwortung doch an dir zehrt. Solche Dinge geben wir ungern zu, auch wenn es nur gegenüber uns selbst ist. Deshalb solltest du dir vor Augen führen, dass du in dem, was du tust, nur dann wirklich gut bist, wenn du mit ganzem Herzen dabei bist. Das heißt nicht, dass du deinen Job kündigen oder dich von deinen Kindern verabschieden musst. Es heißt lediglich, dass du Wege finden musst, wie du dich hinsichtlich dieser Alltagsaspekte um dich kümmerst.

  1. Achtsamkeit

Selfcare zu betreiben, bedeutet häufig auch Achtsamkeit zu lernen. Sie hilft uns, uns vom Schwarz-Weiß-Denken zu verabschieden.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit bezeichnet einen Zustand von hundertprozentiger Klarheit. Bist du achtsam, lebst du ganz im Hier und Jetzt. Keine Tagträumereien, keine Ablenkung, kein Überwältigtsein von den eigenen Gefühlen. Stattdessen nimmst du deine Umwelt, deinen Körper und deine Emotionen bewusst wahr – ohne diese zu bewerten. Bist du achtsam, kannst du den wahren Grund für z.B. deine Wut viel eher sehen, weil sie dich nicht blind macht. Achtsamkeit macht den Unterschied zwischen einem tristen Weg zur Arbeit, bei dem du nur an kommenden Stress denkst, und einem ruhigen Spaziergang, auf dem du die Vögel zwitschern hörst. Befindest du dich in einem Zustand der Achtsamkeit sind alle die kreisenden Gedanken zu dem, was sein wird oder was gewesen ist, einfach egal Selfcare zu betreiben, bedeutet häufig auch Achtsamkeit zu lernen. Sie hilft uns, uns vom Schwarz-Weiß-Denken zu verabschieden.

Anstatt alle Stressfaktoren zu einem einzigen negativen Brei zu vermischen, versuchen wir die schönen Momente und Tätigkeiten als solche wahrzunehmen, bewusst aufzusuchen und sie nicht vom Stress überschatten zu lassen. Wir treten einen Schritt zurück und nutzen die Zeit, die wir für uns haben, effektiver und ziehen daraus neue Kraft. Um das zu lernen, bieten sich Achtsamkeitstagebücher an. Sechs Minuten täglich investierst du zum Beispiel in das 6-Minuten-Tagebuch – Zeit, die du auf jeden Fall übrighaben dürftest. Auch Mediation oder körperbewusstes Yoga können deine Achtsamkeit stärken.

Junge Frau übt sich beim Yoga in Achtsamkeit

Dass uns die Achtsamkeit im eigenen Alltag oft verloren geht, hat viel mit unserem Medienkonsum zu tun. Social Media, Filme, Serien: Wir können am laufenden Band konsumieren. Dabei flüchten wir uns in eine andere Welt und sind in unserer eigenen nicht mehr präsent. Aber fehlende Achtsamkeit kann auch Symptom oder Treiber dafür sein, dass unsere psychische Gesundheit leidet. Nicht im Moment zu leben, sondern immer nur an das zu denken, was hätte anders laufen sollen oder was noch schiefgehen wird – das kann krank machen.

Zu oft merken wir das erst, wenn es zu spät ist. Deshalb ist es sinnvoll, schon jetzt für alle Fälle vorzusorgen: durch regelmäßige Achtsamkeitsübungen und durch das Schaffen von Sicherheiten, die dich im Zweifelsfall auffangen. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sichert dich finanziell ab, wenn du deinen Beruf nicht mehr ausüben kannst. Das ist leider gar nicht so unwahrscheinlich, denn jeder Vierte ist im Laufe des Lebens zeitweise berufsunfähig. Der häufigste Grund: die Psyche.

BerufsunfähigkeitsversicherungAchtsamkeit ist gut, Sicherheit ist besser
  1.  Grenzen

Du hast Dinge entdeckt, bei denen du das Gefühl hast, dass sie deinen Energietank leeren? Überlege, ob es Wege gibt, diese Dinge so umzugestalten, dass sie es vermindert tun oder dir sogar Energie zurückgeben. Das geht zum Beispiel, indem du Grenzen ziehst. Eine tägliche kinderfreie Stunde kann die Wertschätzung der gemeinsamen Zeit wieder aufleben lassen. Eine klar gesetzte Mittagspause außerhalb des Büros und mit ausgeschaltetem Handy kann den entscheidenden Unterschied machen. Oder probier‘s doch mal mit einer festen Feierabendzeit oder damit, um Hilfe zu bitten als Option anzusehen.

Solche Grenzen zu ziehen ist nicht leicht – sonst hätten wir ja gar kein Problem. Aber wir müssen sie einfordern, gegenüber anderen und gegenüber uns selbst.

  1. Verantwortungslosigkeit

Ach ja, dieser Artikel ist ein Plädoyer für mehr Verantwortungslosigkeit. Dafür klingen deine bisherigen Optionen aber ziemlich verantwortungsbewusst und erwachsen, oder? Ein Anspruch, der auch in so vielen anderen Bereichen an uns gestellt wird. Und klar, für manche ist es das Ziel und genau das Richtige, die eigene Selfcare so erwachsen und verantwortungsvoll zu gestalten. Aber wer diese Tendenz nicht natürlicherweise besitzt, der wird sich schwertun. Denn Selfcare zu lernen, kann – welch Ironie ­– auch ziemlich anstrengend sein.

Deshalb ist es manchmal wichtig, einfach abzuschalten. Sich von der Verantwortung loszumachen, jeden Tag produktiv sein zu müssen, von der Verantwortung, erwachsen sein zu müssen und eben von der Verantwortung, die ganze Zeit das Beste aus sich machen zu wollen. Diese Verantwortungen zwischendurch abzugeben, schafft einen Raum ohne Regeln von außen, der uns die Freiheit gibt, genau das zu tun, was wir gerade brauchen – Selfcare eben.

Was du in diesem Raum schaffst, ist ganz dir selbst überlassen: endlich wieder tanzen gehen und den Samstag verkatert Reality-TV schauen, ein Videospiel an einem Wochenende durchspielen oder dich allein in deinem Zimmer einschließen und einfach nur malen. Hauptsache du machst es nicht für irgendwen anders als dich selbst und fühlst dich nicht dazu verpflichtet. Schalte einfach ab und genieße den Raum der Verantwortungslosigkeit.

Füße voller Party-Glitzer zeigen, dass Selfcare auch mit Verantwortungslosigkeit geht
Zwei Freundinnen betreiben Selfcare indem sie Pizza essen und Wein trinken
Zwei Mädchen spielen in der Gruppe Gameboy
Junge Frau hat Spaß bei Selfcare mit Gesichtsmaske und Glas in der Hand

Gesunde Verantwortungslosigkeit, gesunder Egoismus

Einen Haken gibt es trotzdem: Du musst auch bereit sein, dich aus deinem Raum wieder herauszubewegen. Denn natürlich hat es wenig Sinn und tut auf Dauer auch nicht gut, sich jeder Verantwortung zu verschließen. Deswegen ist eine Kombination der drei Wege in deiner persönlichen Mischung das Richtige. Du wirst sicher vom einen mehr oder vom anderen weniger brauchen. Aber letzten Endes hilft dir Verantwortungslosigkeit beim Abschalten, Achtsamkeit beim Zurückgewinnen deines Fokus‘ und das Ziehen von Grenzen bei einer grundsätzlich positiveren Gestaltung deines Alltags. Solltest du merken, dass die Verantwortungslosigkeit die Oberhand gewinnt und aus Erholung Belastung wird, hilft es, zu wissen, wie du dich richtig motivierst. Lies dafür doch mal unseren Artikel „Hilfe, mein Hirn ist im Energiesparmodus“.

Auch wenn es darum geht, Grenzen zu ziehen und deren Einhaltung einzufordern, wird der Weg vielleicht steinig. Nein zu sagen, das fällt nicht jeden leicht. Ganz besonders in einem Job, in dem du positiv und durch dein Engagement auffallen möchtest, kann Neinsagen schwerfallen. Und ich bin sicher nicht hier, um dir zu erzählen, dass du diese Gedanken über den Haufen werfen sollst. Du musst abwägen, was dich auf Dauer mehr belasten würde: Nein zu sagen und eventuell negativ aufzufallen oder der Stress, keine Grenzen ziehen zu können. Egoismus ist in dieser Sache übrigens kein Argument. Sich Zeit für sich zu nehmen oder andere abzuweisen, kann sich so anfühlen – aber auf Dauer wird es dich glücklicher und produktiver machen. Und davon profitiert jeder um dich herum.

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