add-lineclose-linefacebook-fillinstagram-fillloading-fillmenu-linenext-lineprev-linesearch-linesubtract-linetwitter-fillGroupyoutube-fill

Schöner scheitern

Feuer frei für Fehler

Okay, man mag Helene Fischer ja finden, wie man will, aber mit einer Sache hat sie definitiv recht: Keiner ist fehlerfrei! Und es ist eine verdammt gute Idee, menschliche Schwächen mal in einem Song zu feiern. Tun wir nicht alle noch viel zu oft so, als wäre unser Dasein die reinste Perfektion? Scheitern ist, trotz zahlreicher Steh-zu-deinen-Makeln-Kampagnen, gerade bei uns in Deutschland noch immer ein Tabuthema. Wer spricht schon gerne über Misserfolge und Fehltritte? Viel beliebter sind die Storys, mit denen wir der Welt zeigen: Ich hab‘s drauf! Das gilt für unser Privatleben – das auf Instagram oft wie die High-Quality-Version der Realität wirkt – genauso wie für unser Berufsleben. Wir wollen immer gut drauf sein, Qualität abliefern und alles im Griff haben. Einen Fehler zu machen oder gar zu scheitern, diese Option verträgt sich mit unserem Hang zur Ergebnisorientierung und Selbstoptimierung nur sehr schlecht. Dabei haben Misserfolge auch eine gute Seite. Wir zeigen dir, warum es gar nicht so verkehrt ist, Fehler zu machen. Und vor allem: über sie zu sprechen.

Redakteurin VGH Wiebke Knoche JetztLosleben
von Wiebke Knoche29 April, 2021
hand hält sich gerade noch so über wasser um nicht zu scheitern
Das Wichtigste in 60 Sekunden

Wer spricht schon gerne über Misserfolge? Wir! Und zwar in diesem Text. Fehler sind in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema. Und das, obwohl selbst die Lebensläufe der erfolgreichsten Menschen nicht ohne Fehltritte auskommen. Dass sie trotzdem irgendwann Erfolg hatten, liegt auch daran, dass sie ihre Misserfolge nicht nur akzeptiert, sondern vor allem auch aus ihnen gelernt haben. Denn Fehler sind nichts anderes als Erkenntnischancen. Diese Perspektive zu verbreiten, ist das Anliegen der sogenannten Fuckup Nights – ein international verbreitetes Format, bei dem es darum geht, offen über Misserfolge zu sprechen und eine Kultur des Scheiterns zu etablieren. Das hat sich auch die VGH zur Aufgabe gemacht: Gemeinsam mit der Innovationsgesellschaft FUTUR X arbeitet das Unternehmen daran, offener mit Fehlern umzugehen und diese in wertvolle Erkenntnisse umzuwandeln.

Bist du der flexible oder der starre Fehler-Typ?

Experten zufolge wird nur eines von zehn Startups in Deutschland erfolgreich. Der Rest scheitert früher oder später. Warum wir mit solch ernüchternder Statistik einsteigen? Weil sich anhand dieses Beispiels zwei unterschiedliche Denkweisen veranschaulichen lassen. Laut wissenschaftlicher Forschung haben wir nämlich genau zwei Möglichkeiten, mit Herausforderungen umzugehen.

Option A: Wir sehen sie als Chancen, aus denen wir lernen und uns weiterentwickeln können.

Option B: Wir vermeiden Herausforderungen aus Angst, Fehler zu machen oder zu scheitern.

Ersteres wird als Growth Mindset (flexible Denkweise), letzteres als Fixed Mindset (starre Denkweise) bezeichnet. Überflüssig zu sagen, mit welchem Mindset man sich eher dafür entscheidet, zu gründen oder andere neue Aufgaben anzugehen. Wir werden später darauf zurückkommen.

Anna Iversen von Futur X
Anna Iversen, Innovationsnetzwerkerin und Prototyperin bei FUTUR X

Doch nun erst einmal zur Praxis: Anna Iversen, Innovationsnetzwerkerin und Prototyperin bei der Innovationsgesellschaft FUTUR X, hat in den letzten sechs Jahren fünf verschiedene Startups gegründet, darunter ein soziales Netzwerk für Unternehmer sowie eine Plattform, die es Gründern ermöglicht, ihre entwickelten Produkte vor Markteinführung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Von keiner ihrer Ideen kann Iversen heute leben, trotzdem wehrt sich die Hannoveranerin dagegen, von Misserfolgen zu sprechen: „Ich habe bei jedem Versuch neue Erfahrungen, Kenntnisse und auch Skills gewonnen“, sagt sie. Und sei es auch nur, festgestellt zu haben, was nicht funktioniere. „Es sind keine Fehler. Man tut etwas, um zu lernen und wenn man etwas Neues probiert, dann weiß man nie, wie es ausgeht.“

Deutschlands bekanntester Jungunternehmer Johannes Jäschke
Johannes Jäschke, Deutschlands bekanntester Jungunternehmer

Auch Johannes Jäschke, der bekannteste Jungunternehmer Deutschlands, bedauert den schlechten Ruf, den das Scheitern hat. „Wir haben halt eine Exzellenzkultur, geschuldet daraus, dass wir ein Land der Ingenieure sind. In einer starken Industrie muss alles perfekt sein, Fehler dürfen nicht passieren“, ist der heute 22-Jährige überzeugt, der bereits vor acht Jahren sein erstes Unternehmen gegründet und zum Erfolg geführt hat. Doch auch die andere Seite der Medaille kennt Jäschke, denn zwei weitere seiner Startups scheiterten. Aktuell arbeitet er an hypnu, einer Hypnose-App zum Einschlafen. Es läuft also wieder – auch, weil er sich durch seine Rückschläge nicht hat aus der Bahn werfen lassen. „Es darf nicht passieren, dass man sich selbst ausschließlich über das eigene Scheitern definiert.“

Sowohl Anna Iversen als auch Johannes Jäschke besitzen das anfangs beschriebene Growth-Mindset. Die flexible Denkweise lässt sie entspannt mit Fehlern umgehen, Misserfolge sehen sie als Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung. „Von Babys erwarten wir auch nicht, dass sie direkt gehen können. Sie fallen hin, weil das Fallen dazu gehört, um gehen zu lernen“, sagt Iversen. Für Jäschke ist es ähnlich simpel: „Wenn du vom Fahrrad fällst, stehst du auch wieder auf und fährst weiter.“

Was sehr reflektiert und abgeklärt klingt, war jedoch bei beiden ein Prozess. Iversen bekam während ihrer Gründungen ein Burn-Out, Jäschke verdrängte sein Scheitern lange Zeit. „Es ist unglaublich wichtig, für sich selbst zu definieren, wie weit man gehen will und wie viele Fehler akzeptabel sind“, sagt Iversen. Sich von einer Sache verabschieden, wenn es keinen Sinn mehr macht – das sei eine entscheidende Fähigkeit im Umgang mit dem Scheitern und zugleich die größte Herausforderung. Das musste auch Jäschke erst lernen: „Wir hatten bereits Mitarbeiter entlassen und viel Warenbestand vernichtet, aber erst ein halbes Jahr später habe ich mich wirklich damit konfrontiert und anerkannt, dass ich gescheitert bin.“

BerufsunfähigkeitsversicherungUnvorhergesehene Risiken frühzeitig absichern, ist nie ein Fehler!

Wir scheitern uns voran

Offen über gemachte Fehler zu sprechen – das hat beiden geholfen, um schneller wieder nach vorne zu blicken. „Es hat sich zu keinem Moment schlimm angefühlt. Niemand in meinem Umfeld hat mich belächelt, abgestempelt oder schlecht behandelt“, gibt Jäschke Entwarnung. Stattdessen regnete es Mitgefühl, vor allem aber Bewunderung. „Jeder hat doch Scheiter-Erlebnisse, aber niemand traut sich, darüber zu sprechen. Fängt einer aber an, dann öffnen sich nach und nach auch andere“, so der Unternehmer. Ein Gedanke, der auch hinter den sogenannten Fuckup Nights steckt.

Fuckup Nights - Geschichten vom Scheitern

Die Idee der Fuckup Nights stammt ursprünglich aus Mexiko. Dort unterhielten sich bereits 2012 einige Freunde über ihre unternehmerischen Erfahrungen – einschließlich ihrer Misserfolge. Am Ende ihres Gesprächs stellten alle fest, dass sie sich durch den offenen und ehrlichen Austausch besser und vor allem befreiter fühlten. So beschlossen sie, ein ähnliches Treffen in größerer Runde zu organisieren, bei dem jeder über seine Fehler sprechen und von Fehlern anderer lernen sollte. Die Idee der Fuckup Nights ging um die Welt. Inzwischen gibt es auch in Hannover und Braunschweig öffentliche Veranstaltungen, bei denen Unternehmer und Gründer über ihre größten Geschichten des Scheiterns erzählen, um das Thema zu enttabuisieren. Jeder Redner hat dafür zehn Minuten Zeit und darf zur Präsentation zehn Folien verwenden. Im Anschluss an jeden Vortrag gibt es eine Fragerunde und die Möglichkeit zu netzwerken. Bis Live-Veranstaltungen wieder möglich sind, kannst du dir auf dem Youtube-Kanal der Fuckup Nights Frankfurt einen Eindruck verschaffen, wie solche Events ablaufen.

mann scheitert vor einer aufgabe am PC
Frau fegt die Reste einer Party weg
beim ei aufschlagen scheitern
im team arbeiten und von anderen lernen kann helfen aus fehlern zu lernen

Anna Iversen organisierte 2015 gemeinsam mit Unternehmer Gabriel Gelman die erste Fuckup Night in Hannover. „Uns war klar, dass es eine der größten Herausforderungen ist, über Scheitern zu sprechen. Umso wichtiger, dass wir es tun und zeigen, dass niemand alleine damit ist, auch mal Fehler zu machen“, erinnert sich Iversen. Jeder Unternehmer habe schon Fehler erlebt und gemacht, ohne Ausnahme. Auch die erfolgreichsten, gerade die erfolgreichsten. An Beispielen mangelt es nicht: Thomas Alva Edison hat tausend Prototypen gebaut, bis er die Glühbirne erfand. Drei Startups von Max Levchin scheiterten mit großem Knall, sein viertes Unternehmen überlebte bereits, das fünfte war Paypal. Misserfolg ist weder Garant noch Voraussetzung für zukünftigen Erfolg, aber er kann Antrieb sein und Learnings liefern, um Dinge beim nächsten Mal besser zu machen. Sich das vor Augen zu führen, macht es einfacher, Fehler zu akzeptieren.

Private RentenversicherungEgal wie oft du dich beruflich neu verwirklichst - mit einer smarten Altersvorsorge bist du später im Ruhestand abgesichert.

9 Tipps: Wie gehe ich mit Scheitern um?

  1. Kenne dein Warum: Sei dir im Klaren darüber, was du erreichen willst und gib nicht auf, auch wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert.
  2. Kenne aber auch deine Grenzen: Schätze das Risiko für dein Vorhaben ein und lege fest, bis wohin du gehst und wieviel du investierst.
  3. Tu es nicht für Geld oder für andere – tu es für dich! Andernfalls verlässt dich irgendwann die Motivation.
  4. Fang an, probiere dich aus und lerne beim Machen.
  5. Schau nach links und rechts: Aus Fehlern anderer kannst du wichtige Learnings ziehen.
  6. Auch deine eigenen Misserfolge sind Erkenntnischancen. 
  7. Gib dir Zeit, um dein Scheitern zu verdauen und zu akzeptieren.
  8. Aber: Analysiere Fehler nicht bis ins kleinste Detail. Wenn du versuchst, alle Gründe zu rekonstruieren, gibst du dem Scheitern zu viel Raum.
  9. Schau nach vorne und starte neu.

Fehler feiern bei der VGH

„Auch ein Unternehmen, das mit Fehlern umgehen und diese in Erkenntnisse umwandeln kann, ist stärker und kann sich nach vorne bewegen“, weiß Anna Iversen. Deshalb arbeitet sie derzeit bei FUTUR X daran, eine solche Fehlerkultur noch bewusster bei der VGH zu etablieren. Teil dieses Innovationsprozesses war das Fehlerfest 2019 – sozusagen eine kleine Ausgabe der Fuckup Nights. „Natürlich ist es etwas Neues für Mitarbeiter und Vorstandsvorsitzende plötzlich über Fehler zu sprechen“, sagt Iversen. „Aber absolut notwendig, um sich weiterzuentwickeln.“ Sie hofft, dass es nach Corona eine zweite Auflage des Fehlerfestes geben wird. Dann am liebsten auch öffentlich: „Gerade für junge Leute ist es unfassbar attraktiv zu sehen, dass Fehler in einem Unternehmen nicht tabuisiert werden, sondern sogar erwünscht sind, um weiter zu wachsen“, so Iversen. Die VGH hat das früh erkannt und setzt nicht nur auf eine gute Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter, sondern auch auf eine positive Fehlerkultur, die im Unternehmen gelebt wird.

Fehlerfrohe Grundhaltung entwickeln

Für die Zukunft wünscht sich Iversen, dass sich das Growth-Mindset in unserer Gesellschaft noch stärker durchsetzt: „Gerade in Zeiten, in denen wir vor großen Herausforderungen stehen, das Gefühl haben nicht immer alles zu verstehen und bewältigen zu können, brauchen wir die Offenheit und den Mut, Fehler zu machen und diese in Erkenntnisse umzuwandeln.“ Womit wir wieder bei Helene Fischer wären. „Keiner ist fehlerfrei, was ist denn schon dabei?“, singt sie und hat schlicht und einfach Recht. Für diese neue Leichtigkeit im Umgang mit der eigenen Verplantheit sage ich an dieser Stelle, auch wenn das ein kitschiger Fehltritt sein mag, ganz einfach: danke dir, Helene!

Jetzt InformierenFinde deinen persönlichen Berater vor Ort!

Aktuell spannend

Aktions-Themenwelt Leben & Sicherheit

Der Sinn des Lebens ist leben - das haben schon Goethe und Casper erkannt. Warum dann an morgen denken? Unbeschwert lebt es sich einfach besser. Heute und auch übermorgen. Hier sind einige Themen, die es einleuchtend machen, deine Zukunft abzusichern.

Auch interessant

Weitere Themen