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Sabbatical

Warum wir alle hin und wieder das Hamsterrad verlassen sollten

Als Kind habe ich Spielplätze geliebt, auf denen es diese überdimensionalen Hamsterräder gab, die man mit eigener Kraft zum Drehen bringen konnte. Stundenlang stand ich darin und lief auf der Stelle – meist mit maximalem Tempo, damit sich das Rad möglichst schnell unter meinen Füßen drehte. Das ging immer so lange gut, bis ich von meiner eigenen Geschwindigkeit überrollt wurde und auf allen Vieren die Wände des immer langsamer werdenden Rades hinunterrutschte. Meist sprang ich jedoch, noch bevor sich das Spielgerät vollständig beruhigt hatte, gedankenlos hinaus und ging schaukeln. Um als Erwachsener das Hamsterrad, in das uns das Leben irgendwann ungefragt hineinstellt, zu verlassen, braucht es weitaus mehr Mut. Das Risiko des Ausstiegs ist schlichtweg zu groß – vor allem dann, wenn sich das Rad bereits mit ordentlichem Tempo dreht. Wir haben gelernt, zügig Schritt zu halten. Dabei bietet gerade der Sprung heraus neue Perspektiven und Erkenntnisse. Wir sollten ihn hin und wieder wagen.

Redakteurin VGH Wiebke Knoche JetztLosleben
von Wiebke Knoche1 Juni, 2021
Sabbatical nutzen um zu reisen
Das Wichtigste in 60 Sekunden

Der Wunsch nach einer beruflichen Auszeit ist gerade in der jungen Generation sehr ausgeprägt. Bereits nach wenigen Jahren im Job spüren viele den Drang, einmal aus dem Hamsterrad auszusteigen. Die Wenigsten aber wagen diesen Schritt. Dabei bietet er nicht nur die Chance, aufzutanken, sondern ermöglicht es uns, ganz neue Erfahrungen zu machen und das eigene ICH wieder ins natürliche Gleichgewicht zu bringen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, von der Auszeit zu profitieren, ohne den Job aufs Spiel zu setzen. Du kannst deinen Arbeitgeber zum Beispiel von der Sabbatical-Idee überzeugen und einen Rückkehranspruch vertraglich festlegen. Natürlich kannst du auch kündigen und die Auszeit nutzen, um dich beruflich neu zu orientieren. In jedem Fall solltest du dir vorher überlegen, wie du deine Auszeit finanzieren möchtest: Du kannst zum Beispiel im Vorfeld auf Gehalt verzichten, um während des Sabbaticals weiter bezahlt zu werden. Oder du sammelst Überstunden, die du dann abfeiern kannst. Auch unbezahlter Urlaub ist eine Option – gerade dann, wenn deine Auszeit dich nicht so viel kosten wird. In der Regel ist es jedoch sinnvoll, während es Sabbaticals das Umfeld zu verändern. Sehr beliebt ist deshalb die Idee einer Weltreise oder das Lernen einer neuen Sprache in einem fremden Land. Aber auch für kreative Projekte, die du immer schon angehen wolltest, lässt sich die berufliche Pause hervorragend nutzen. Du musst nur mutig sein, sie dir zu nehmen. 
 

Wir sind müde vom perfekt sein

Laut der XING-Sabbatical Studie möchten knapp 30 Prozent der 18- bis 24-Jährigen eine Auszeit vom Job nehmen. Zum Vergleich: Bei den über 50-Jährigen ist die Euphorie für eine berufliche Pause nur halb so stark ausgeprägt. Einfach mal raus aus dem Hamsterrad, neue Energie tanken oder sich ein paar Flugmeilen entfernt weiterbilden – diesen Drang spüren gerade junge Berufseinsteiger häufig schon nach kurzer Zeit im Job. Und das hat Gründe: „Heutzutage sind die Stressoren viel größer als früher“, erklärt Norbert Söntgen, Coach und Sabbatical-Berater. Die klassische Mittagspause, in der man spazieren geht oder in Ruhe isst, gibt es immer seltener. Stattdessen stehen wir unter Dauerbeschuss unseres Smartphones. Einfach mal Nichtstun – das tun wir eigentlich nicht.

Genau das ist es jedoch, was in einem Sabbatical von uns verlangt wird: „Es ist ein Aussteigen aus dem bekannten Tun, aus den Arbeitsprozessen, aber auch aus privaten Prozessen, die uns fordern und stressen“, sagt Söntgen. Typische Anzeichen dafür, dass du den Stopp-Button möglichst bald drücken solltest, sind:

  • Dauerhafter Stress
  • Depressive Phasen
  • Ständige Angst
  • Anspannungen
  • Schlafstörungen
  • Schwaches Immunsystem, wiederkehrende Krankheiten
  • Keine Zeit für Privates

Die innere Anspannung zu erkennen, ist jedoch nicht immer ganz einfach. „Wir sind von klein auf so konditioniert, dass wir denken, immer produktiv und perfekt sein zu müssen“, erklärt Söntgen. Oder anders gesagt: Weil wir es nicht besser wissen und den Produktivitätsdruck verinnerlicht haben, laufen wir wie Getriebene durch die Welt, ohne Rücksicht auf unser eigenes Wohlbefinden. „Das Sabbatical kann helfen, das Gesamtsystem wieder ins natürliche Gleichgewicht zu bringen und sich zu entspannen“, sagt Söntgen. Dafür braucht es Zeit und Raum, vor allem aber Mut.

Das Hamsterrad einmal anzuhalten – das bedeutet nämlich auch, sich mit den eigenen Gefühlen und Ängsten auseinanderzusetzen. „Eine Auszeit beruhigt das Nervensystem und ist eine Erfahrung, die wir so nicht kennen“, sagt der Sabbatical-Experte. Es geht darum, sich bewusst von den sogenannten „Antreibern“ zu lösen und die „Erlauber“ kennenzulernen:

AntreiberErlauber
Sei perfekt.Es genügt, es muss nicht perfekt sein.
Mach schnell, beeile dich.Ich darf mir Zeit nehmen.
Streng dich an.Es darf mir leicht gelingen.
Mach es allen recht.Ich komme zuerst.
Sei stark.Ich darf mich zeigen, wie ich bin.
sabbatical machen und die zeit nutzen um neue perspektiven zu entwickeln
Sabbatical nutzen um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen
Berufliche Auszeit nehmen und das Haus renovieren
sich neu finden während des sabbaticals

Viele wollen, wenige wagen

Natürlich gibt es umgekehrt auch positive Anreize für ein Sabbatical. Du musst nicht am Rande eines Burnouts stehen, um zu erkennen, dass eine Auszeit das Richtige für dich ist. Wer schon immer ein Buch schreiben oder eine neue Sprache lernen wollte, findet während eines Sabbaticals Zeit dafür. Grundsätzlich kann jeder frei entscheiden, wie lange die Pause sein soll. „Das Minimum sollten allerdings zwei Monate sein“, rät der Experte. „Vier Wochen braucht man allein für die Erholung. Beim Sabbatical sollen die Prozesse aber tiefer gehen. Es sollen Erkenntnisse stattfinden, für die es Zeit braucht.“

Womit wir beim Stichwort wären: Zeit. Bereits der Begriff SabbatJAHR löst bei vielen Menschen Angstzustände aus. Lediglich drei Monate aus dem Berufsleben auszusteigen ist für viele zwar reizvoll, aber unvorstellbar. Der Gedanke an Chef und Geldbeutel sorgt dafür, dass die Idee einer Auszeit häufig schnell wieder verdrängt wird. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Sabbatical sowohl beruflich als auch finanziell zu realisieren.

Sabbatical und Job - so gelingt dir der Spagat

In Deutschland kann grundsätzlich jeder Berufstätige ein Sabbatical machen. Wer im öffentlichen Dienst arbeitet, hat sogar einen gesetzlichen Anspruch auf die Auszeit. Das vereinfacht die Realisierung enorm, da bereits vieles geregelt ist. Doch auch für alle anderen gibt es verschiedene Möglichkeiten, die berufliche Auszeit umzusetzen:

Überzeuge deinen Arbeitgeber von der Idee

In manchen Unternehmen ist ein Sabbatical bereits Teil der Philosophie und kann vertraglich festgelegt werden, in anderen lässt sich eine gemeinsame Lösung mit dem Chef finden, um die Auszeit zu realisieren. Informiere dich am besten bei der Personalabteilung oder deinem Vorgesetzten, ob es entsprechende Regelungen gibt. Starke Argumente für dein Vorhaben können helfen, den Chef zu überzeugen. Schließlich profitiert auch der Arbeitgeber davon, wenn du deine Fremdsprachenkenntnisse verbesserst oder deine sozialen Kompetenzen durch den Kontakt mit anderen Kulturen schulst. Stimmt dein Chef der Auszeit zu, solltest du unbedingt einen Rückkehranspruch an deine alte Position sowie ein Verbot der Kündigung schriftlich vereinbaren.

Kündige deinen Job und suche dir einen neuen

Lässt sich dein aktueller Chef nicht von der Idee des Sabbaticals überzeugen, hast du die Möglichkeit, dir einen neuen Arbeitgeber zu suchen, der deine Auszeit unterstützt. Du kannst dann zum Beispiel vereinbaren, dass du den neuen Job nicht direkt anfängst, sondern erst nach deinem Sabbatical startest. So kannst du dir die Auszeit nehmen und hast gleichzeitig die Sicherheit, anschließend nicht ohne Job dazustehen.

Kündige und schau, was kommt

Wer sich eine berufliche Auszeit nimmt, muss immer auch damit rechnen, dass sich neue Erkenntnisse ergeben. Ein Sabbatical bietet die Chance herauszufinden, was du wirklich möchtest. Den Job zu kündigen, ohne etwas Neues in Aussicht zu haben, ist deshalb die dritte Option, um die Auszeit zu verwirklichen. Sie bietet vielleicht sogar die größten persönlichen Chancen, erfordert aber auch den meisten Mut und sollte deshalb im Vorfeld unbedingt finanziell gut durchdacht werden.

Ohne finanzielle Sorgen in die Auszeit

Lässt sich die Auszeit mit deinem aktuellen Job vereinbaren, hast du verschiedene Möglichkeiten, um finanziell gut durch die arbeitsfreie Zeit zu kommen. Schließlich dürfen wir neben der positiven Erfahrung eines Sabbaticals nicht vergessen, dass die berufliche Auszeit auch ein Privileg ist. Du musst sie dir leisten können. Jedoch hast du auch hier verschiedene Optionen, um gut über die Runden zu kommen:

1. Verzichte im Vorfeld auf Teile deines Gehalts: Arbeitest du zum Beispiel drei Jahre für 75 % deines Gehalts, „ersparst“ du dir ein Sabbatjahr, in dem du dann weiterhin dreiviertel deines Gehalts bekommst. Das hat den Vorteil, dass du auch deine Sozial- und Krankenversicherung behältst und nur eine Reisekrankenversicherung brauchst, sofern dein Sabbatical nicht zuhause stattfindet.

ReisekrankenversicherungAuszeit im Ausland? Gute Idee, aber denk an deine Gesundheit!

2. Erspare dir Zeit: Hast du im Vorfeld keine Möglichkeit, auf Gehalt zu verzichten, kannst du versuchen, mehr zu arbeiten und Überstunden anzusammeln. Das kann ziemlich lange dauern, weil du laut Arbeitszeitgesetz nicht mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten darfst. Du kannst aber zum Beispiel auf Sonderzahlungen, wie Weihnachtsgeld verzichten und auch Urlaubstage anrechnen lassen. Deine angesammelte Zeit kannst du dann während der Auszeit abfeiern.

3. Nimm unbezahlten Urlaub: Das ist die einfachste, aber auch die teuerste Möglichkeit, um dir die berufliche Auszeit zu ermöglichen. Du bekommst während des Sabbaticals nämlich weder Gehalt noch den gesetzlichen Zuschuss für deine Sozialversicherungsbeiträge. Entscheidest du dich trotzdem für dieses Modell, solltest du dich unbedingt selbst um deine Krankenversicherung kümmern. Auch eine freiwillige Rentenversicherung kann sinnvoll sein, damit keine Anrechnungszeiten verloren gehen, die sich später auf deine Rente auswirken.

Ein Sabbatical, viele Möglichkeiten

Sind du, dein Arbeitgeber und auch dein Geldbeutel von der beruflichen Auszeit überzeugt, steht der Umsetzung nichts mehr im Wege. „Es gibt tausend verschiedene Möglichkeiten, das Sabbatical zu gestalten“, sagt Norbert Söntgen, der selbst vor vielen Jahren kurz vor einem Burnout stand und sein Leben daraufhin umkrempelte. Weil es häufig nicht gelingt, zuhause aus den gewohnten Verhaltensmustern auszusteigen, empfiehlt er, das Umfeld während der beruflichen Auszeit – wenn möglich – zu verändern. Die meisten Sabbatical-Ideen lassen sich schließlich auch an einem anderen Ort umsetzen:

  • Um die Welt reisen
  • Sich persönlich weiterbilden (z. B. eine neue Sprache lernen)
  • Sich kreativ austoben (z. B. ein Buch schreiben, malen, ein Musikinstrument lernen)
  • Ein eigenes Projekt starten (z. B. sich selbständig machen)
  • Sich ein sportliches Ziel setzen und darauf hinarbeiten (z. B. einen Marathon)
  • Neue Perspektiven entwickeln und schauen, was man wirklich will
  • Sich sozial engagieren
  • Zeit für die Familie haben

Zurück ins Hamsterrad?

Auch die schönste Zeit hat irgendwann ein Ende und dann heißt es: Zurück in den Alltag finden. „Nach drei Monaten ist es einfacher zurückzukehren als nach einem Jahr“, sagt Söntgen. Und: Wer schon vor dem Sabbatical genervt von seinem Job war, dem wird die Rückkehr ebenfalls schwerer fallen. „Aber die Auszeit dient ja auch dazu, herauszufinden, ob man das, was man tut, überhaupt noch weiter machen möchte“, so der Experte.

Norbert Söntgen ist Sabbatical Berater
Norbert Söntgen, Coach und Sabbatical-Berater

Grundsätzlich habe er jedoch die Erfahrung gemacht, dass man leichter zurückfindet, als man denkt. Logisch, wenn man überlegt, dass schon ein paar Schritte reichen, um das Hamsterrad wieder in Bewegung zu setzen. Weil die Systeme einen schnell wieder einholen, besteht die Kunst darin, die Erfahrungen der Auszeit in den Alltag zu übertragen und auf eine gesunde Work-Life-Balance zu achten. „Kleine Rituale, wie Yoga oder ein Spaziergang am Morgen, können helfen, nicht wieder in alte Muster zurückzufallen und sich kleine Ruheinseln zu schaffen“, sagt Söntgen.

Auszeit mit guter Aussicht

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber jetzt – wo der Text fast fertig und alle Worte fürs erste aufgebraucht sind – fühlt sich der Gedanke an eine Auszeit gut an. Vielleicht nicht heute, vielleicht auch nicht nächstes Jahr, aber irgendwann werde ich mir die Erfahrung des Sabbaticals ermöglichen. Fürs erste genieße ich den frischen Wind und die gute Aussicht auf der Schaukel.

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