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Im Kliemannsland: 3 Hektar Selbstverwirklichung

Wer das Kliemannsland nur aus dem gleichnamigen YouTube-Projekt kennt, der könnte denken, dass es auf dem Hof zwischen Hamburg und Bremen hauptsächlich um chaotische DIY-Projekte geht, deren Erfolg keinesfalls garantiert ist. Tatsächlich hat die Crew rund um Heimwerker-King, Musiker und Tausendsassa Fynn Kliemann, 32, dort eine Eventlocation, eine Produktionsfirma und ein Zuhause für Kreative geschaffen, die in den Räumen tage- oder manchmal auch monatelang an ihren Projekten werkeln können. Dass das Kliemannsland mittlerweile ein Vorzeigeprojekt für müde Urbanisten und junge Menschen mit neuer Landlust ist, kam so nebenbei. Wir haben mit Brian Jakubowski, dem Social Media Manager des Kliemannslandes, über das Leben in der Oase für Stadtflüchtlinge gesprochen.

Lisa Vogt Redakteurin JetztLosleben VGH
von Lisa Vogt1 Februar, 2021
Im Kliemannsland kann man sich selbstverwirklichen
©Jonas Neugebauer

Geschichte des Kliemannslands

Kliemann und einige wenige Verrückte – nicht irritiert sein, so bezeichnet sich die Truppe gern selbst – bezogen 2016 den drei Hektar großen Hof und brachten große Träume und bewusst wenig konkrete Pläne mit. Die Geschichte des Hofes reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück: Die Besitzer betrieben damals eine Kneipe und einen Landwirtschaftlichen Betrieb, später einen Saal, der Dreh und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens im Umland wurde. Nahezu alle Gebäude des heutigen Kliemannslandes entstanden in der Zeit bis 1920. 

Das Kliemannsland aus der Luft
©Brian Jakubowski

Brian erinnert sich gut an die ersten Wochen des Projekts: „Ich bin quasi zur Entstehung ins Kliemannsland gekommen. Zumindest war es so nahe am Anfang, dass überall Matratzen lagen und wir eine selbstgebaute Küche mit Abwassereimer-Schichtsystem zum Wegbringen hatten.“ Der aufwendige Umbau des Hofes zu dem Heimwerkerparadies, der er heute ist, wurde vor allem von freiwilligen Helfern vorangetrieben, die Lust hatten, das Kliemannsland mit ihrer Arbeitskraft und ihren Ideen zu unterstützen. Mittlerweile wohnt es sich im Kliemannsland komfortabel, wie Brian berichtet: „Für die Leute, die hier fest wohnen, gibt es eine eigene WG mit einer eigenen Küche und einem eigenen Aufenthaltsraum – ein Privatleben gibt es also allemal.“

Wer heute über das Gelände schlendert, findet dort nicht nur DIY-Projekte aus über 300 Videos, sondern auch die nach und nach renovierten Häuser und Zimmer, die mittlerweile zum Wohnen und für die zahlreichen Projekte und Events verwendet werden, die im Kliemannsland stattfinden und produziert werden.

Heimwerkerking Fynn Kliemann und Brian Jakubowski
©Luisa Gehnen

Wer ist denn dieser Fynn Kliemann?

Fynn Kliemann hat offenbar keine Freude am Nichtstun. Der gelernte Mediengestalter eröffnete sofort nach seinem Abschluss die Agentur Herrlich Media, die Websites und Web-Apps gestaltet. Sein YouTube Channel „fimbim“, auf dem er als selbsternannter Heimwerkerking anspruchsvolle Projekte mit unerschöpflicher Ahnungslosigkeit anging, wurde irgendwann vom Hobby zum Nebenberuf – und ist eindeutig die Blaupause für das Kliemannsland. 2016 kauft er gemeinsam mit einem Geschäftspartner das Kliemannsland und startete den gleichnamigen YouTube-Channel für das öffentlich-rechtliche Netzwerk funk. 

Nebenbei arbeitete Fynn Kliemann immer auch an eigener Musik, eigentlich nur für sich selbst – eigentlich. Sein Debütalbum „nie“ erschien im September 2018 auf Kliemanns eigenem Label „twoFinger Records“. Darauf auch der Song „Morgen“, die vielleicht glaubhafteste Hymne ans früh aufstehen und den Tag beginnen, die je geschrieben wurde. „nie“ ging Gold – und das, obwohl das Album nur einmalig zur Vorbestellung auf Vinyl und CD erhältlich war. 2020 folgte das zweite Album „POP“ das im Sound elektronischer ist, aber nicht weniger persönlich und emotional als die erste Platte.

Außerdem hat Fynn Kliemann ein Hausboot gekauft, dass er mit dem Entertainer und Musiker Olli Schulz in der Netflix Doku „Das Hausboot“ restauriert, engagiert sich bei diversen Charity Projekten, produziert seinen Merch und andere Textilen fair in Europa und hat kürzlich das kleinste Haus Deutschlands (4qm Wohnfläche) in Bremen erstanden – wer, wenn nicht er, könnte daraus etwas Besonderes machen?

Utopie zum Mitmachen

Zum Grundgedanken des Kliemannslands gehört, dass jeder mitmachen kann. Damit die besten Projekte der Community auch umgesetzt werden, gibt es den sogenannten „Fynnder“ – Fynn trifft Tinder. „Jeder, der sich bei uns registriert, könnte dann zum Beispiel ein Projekt ‚Riesenschaukel‘ online stellen. Alle stimmen dann darüber ab. Wenn ein Projekt viele Likes hat, gucken wir uns das Projekt an und laden die Person ein. Je nach Größe des Projekts bitten wir dann noch weitere Leute dazu“, erklärt Brian. „Fachpersonal“ wird im Kliemannsland vor allem dann gesucht, wenn es um sicherheitsrelevante Aspekte eines Projekts geht. Ansonsten ist jeder willkommen, der sich für das Projekt interessiert: „Wir nehmen auch gerne Leute, die einfach Bock haben, was anzumalen, zu kochen oder Fotos zu machen. Eigentlich kann jeder bei jedem Projekt mitmachen und etwas lernen.“

Privat-HaftpflichtversicherungWo gehobelt wird, da fallen Späne

Diese Herangehensweise führt zu einer bunt gemischten Community, wie sie sich so wohl nur im Kliemannsland zusammenfinden könnte. Die Umgebung und das gemeinsame Projekt helfen, sich vorurteilsfrei kennenzulernen. Nach Möglichkeit wohnen die Helfer auf dem Hof. Gerade bei großen Projekten gibt es nicht für jeden Helfer ein Bett: „Beim Weihnachtsmarkt haben wir über 100 Helfer, die alle ihre besonderen Fähigkeiten mitbringen. Die Helfer wohnen dann auch alle in der Nähe des Kliemannslands: Für den Weihnachtsmarkt haben wir dann die Turnhallen oder den Tanzsaal als Schlafräume und einige Wohnwagen auf dem Hof.“ Im Sommer wird auf einer großen Wiese auch gezeltet. Auch wenn keine Betten frei sind: Darauf, dass sich alle wie zuhause fühlen und ein leckeres Frühstück bekommen, wird geachtet. Fast alle der Helfer kommen früher oder später noch einmal zurück auf den Hof – und wenn es nur als Gast auf dem Weihnachtsmarkt ist. In 2021 findet dieser jeweils an 3 Wochenenden statt, am 27./28.11., 04./05.12. und 11./12.12.2021.

Das Corona-Jahr 2020 hatte den Partizipationsgedanken natürlich auf den Kopf gestellt. Events wurden abgesagt, das Hofcafé „Zum Dübel“ war geschlossen. Den Kopf wollte das Team deswegen aber nicht gleich in den Sand stecken, erzählt Brian: „Stattdessen haben wir am Hof gearbeitet – die Spelunke, den Tanzsaal, den Dachboden, Büroräume… wir haben ganz viel renoviert, damit wir Vollgas geben können, wenn Lockerungen möglich sind. Den Saal hätten wir sonst zeitnah vielleicht eh zumachen müssen, so konnten wir aus der blöden Situation das Beste machen.“

XXS-Residenz im Bremer Schnoor-Viertel

Während Kliemann sonst gerne groß denkt, muss er bald auf kleinstem Raum kreativ werden. Denn: Nach Gunter Gabriels Hausboot gehört ihm seit Ende 2020 nun auch das kleinste Haus Deutschlands im Bremer Schnoor-Viertel. Das ist insgesamt 7 qm klein, wovon allerdings nur 4 qm zum Wohnen genutzt werden können. Auch eine Dachterrasse und einen Keller gibt es, der einen Quadratmeter groß ist. Wieviel genau der Heimwerkerking für die XXS-Residenz gezahlt hat, verrät er nicht. Verlangt waren ursprünglich 77.777 Euro - wegen der 7 qm. Schon jetzt steht jedoch fest: Es ist nicht nur das kleinste Haus der Republik, sondern auch das mit dem höchsten Quadratmeterpreis. Fynn Kliemann ist das so ziemlich egal, er hat sich sofort in das Tiny-House aus dem 19. Jahrhundert verliebt, das - nach seinen Aussagen - im geilsten Viertel der Welt steht. Wir dürfen gespannt sein, was der neue Besitzer mit dem jetzt schon berühmten Haus anstellt. Was auch immer passieren wird: Der Denkmalschutz muss einverstanden sein.

Events im Kliemannsland
©Brian Jakubowski

Events im Kliemannsland

WuWiZaKliLa Weihnachtsmarkt

Beim Wunderlichen Winterzauber Kliemannsland (auch 2021 leider wieder abgesagt) verwandelt sich der Hof alljährlich in einen zauberhaften Weihnachtsmarkt ganz ohne Kommerz-Kitsch. Hier bieten Kunsthandwerker witzige Geschenkideen an, es gibt Live-Musik, Foodtrucks zum Schlemmen und jede Menge Gelegenheiten zum Mitmachen und Entdecken. 

SchnabuTröMaTa Flohmarkt

Die Schnabulier- und Trödelmarkt-Tage sind eine tolle Gelegenheit, das Kliemannsland zu entdecken und dabei Nippes zu erwerben, handgemachter Live-Musik zu lauschen und sich durch die Essensstände zu futtern. 

Aduka Festival

Das Aduka Festival fiel 2021 coronabedingt leider aus, ist aber die den 09.-12.06.2022 wieder geplant. Es gibt nur 1.000 Festivaltickets – dementsprechend familiär ist die Atmosphäre auf dem Elektro-Festival im Kliemannsland, das 2022 dann zum zweiten Mal stattfindet. Ein typisches Festival-Lineup gibt es beim Aduka nicht – wer wann wo musiziert oder auflegt, das erfahren die Besucher erst bei ihrer Ankunft. 

Workshops

Im neuen Jahr ist geplant, mehr Workshops und Handwerkskurse im Kliemannsland zu veranstalten. Ein Kursplan für 2021 soll schon bald auf der Website landen, schon jetzt lassen sich (Geschenk-)Gutscheine für Schweißkurse buchen, in denen man lernt, eine vernünftige Naht mit dem Schweißgerät zu ziehen und auch mit einem konkreten Produkt, beispielsweise einem Ofen.

Das Kliemannsland mieten

Das Kliemannsland kannst du auch für eigene Events buchen – beispielsweise Hochzeiten, eine große Geburtstagsfeier oder ein Firmen-Sommerfest. Mehr Infos dazu findest du auf der Website des Kliemannslands. Dort gibt es übrigens auch coolen Merch im Kliemannsland-Shop.

Wurzeln schlagen

Wer in einem 250-Seelen-Dorf wie Rüspel mit einem derartigen Projekt ankommt, muss erst langsam mit den Bewohnern warm werden. „Am Anfang war das gerade für die älteren Leute nicht ganz verständlich: ‚Die machen was mit Fernsehen, aber die sind gar nicht im Fernsehen!‘ Die waren mit den Plattformen wie YouTube und Instagram halt nicht vertraut und konnten sich das nicht angucken", erinnert sich Brian. Dass das Kliemannsland kein Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft ist, ist für das Projekt wichtig: „Man wird mit den Nachbarn dann durch Aktionen wie unsere Aufräumaktion letzten Monat, unseren Weihnachtsmarkt oder das Kinderfest warm. Oder wir schenken beim Fußball halt mal ein Bier aus. Wir haben den Anwohnern auch einfach unsere Hilfe angeboten: Da kommt dann schon mal jemand an und fragt, ob wir einen Baum für ihn fällen können. Das hat sich rumgesprochen und mittlerweile stehen wir im Austausch mit fast jedem Bürger im Dorf.“ Das hat eine Weile gedauert. Brian rät denen, die Ähnliches vorhaben, die Öffentlichkeitsarbeit ernst zu nehmen und dem Ganzen Zeit zu geben: „Bei einem Projekt mit so vielen Leuten kann das auch nochmal ein halbes Jahr länger dauern.“

Kliemmansland ist Selbstversorger mit Gemuese
©Kliemannsland PR

Selbstversorger: Garten und Felder

Eine der Lieblingsecken Fynn Kliemanns auf dem Hof ist der grüne Garten mit 120 Quadratmeter großem Gewächshaus, in dem der Gärtner Jonas Gemüse anbaut und für den Winter einkocht. „Das ist die Ecke, die ich bei einer Kliemannsland-Runde immer am stolzesten zeige“, erzählt er in einem Kliemannsland-Video. Für Jonas, gelernter Gärtnergeselle im Fach Gemüsebau, ein echter Traumjob, bei dem er ständig Neues lernt und sich selbst verwirklichen kann – im neuen Jahr plant er, einen Teegarten anzulegen. In der Kochshow „Koch ma!“, die ein Jahr lang im Kliemannsland produziert wurde, konnte die Köchin Zora Klipp fast ausschließlich mit Zutaten aus dem eigenen Garten kochen. „Wenn wir jetzt einen Drehtag haben, dann greifen wir schon zu dem Gurkenglas von uns – wir legen das alles ein, damit wir länger etwas davon haben", erzählt Brian. Nur Nutztiere gibt es im Kliemannsland nicht – mit den Veranstaltungen wäre das wohl nicht vereinbar.

Von der Stadt aufs Land

Wer sich die Videos aus dem Kliemannsland ansieht, kommt leicht ins Träumen: Der eigene Hof im Grünen mit guten Freunden, an dem man sich die Welt machen kann, wie sie einem gefällt. Diese Botschaft war beim Kliemannsland tatsächlich ursprünglich nicht geplant: „Eigentlich ging es darum, einen Ort zu finden, an dem wir bezahlbar viel Platz haben und auch mal etwas lauter sein können. Da hat sich das Projekt dann auf dem Land entwickelt. Mit der Zeit wurde aber klar, wie gut man mit dem Vorhaben die schönen Seiten des Landlebens zeigen kann. Irgendwann wurde das dann zum Aufhänger: Kommt aufs Land!“

Brian hält die Land-WG für eine tolle Alternative zu einem Leben in der Stadt: „Wenn man sich jetzt vorstellt, dass mehrere Leute einen Hof beziehen, sich da in den Räumlichkeiten austoben können und einen festen Job haben, dann ist das ein super Beisammensein. Viele ziehen ja in große WGs und zahlen viel Geld, das könnte man auf jeden Fall auch auf einem Hof machen.“ Brian ist auf dem Land groß geworden und hat dann sieben Jahre in Hamburg gelebt. Die Stadt vermisst er trotzdem nicht, für ihn war der Umzug ins Kliemannsland auch ein Stück weit eine Rückkehr nach Hause: „Natürlich hängt das auch damit zusammen, was für ein Mensch man ist. Ich bin auch nicht gerne in Bars gegangen, als ich noch in der Stadt gewohnt habe.“

Stadtflüchtigen rät Brian, nicht nur auf dem Land zu wohnen, sondern auch die Arbeit dorthin zu verlagern: „Oft ist das Problem, dass die Leute aufs Land ziehen, um ihre Freiheiten zu haben. Zum Arbeiten müssen sie aber in die Stadt fahren und lange Wege auf sich nehmen. Man sollte auf jeden Fall schauen, dass man auch vor Ort oder von Zuhause aus arbeiten kann – das ist halt nicht die Regel.“ Auch er hätte am Anfang den Fehler gemacht, weiter in Hamburg zu arbeiten, auf Dauer wäre er an der Fahrzeit kaputt gegangen: „Ich möchte nicht zweieinhalb Stunden jeden Tag im Auto verbringen. Wenn sich das hier anders entwickelt hätte, wäre ich vermutlich nach ein oder zwei Jahren wieder nach Hamburg gezogen.“

Das Scheunentor im Kliemannsland
©Jonas Neugebauer

Tor zur Welt

Fürs neue Jahr haben sich Fynn Kliemann und sein Team Großes vorgenommen. In einem Video auf dem Kliemannsland Kanal, in dem Brian und Fynn ein neues Eingangstor aus einem alten Tandem schweißen, träumen die beiden von der Zukunft: Ein Bauerngarten vor dem Hof-Café, süße Häuschen auf der Campingwiese für Besucher, Kursräume und Ateliers für die neu angebotenen Workshops. Als das Tor steht und in Kliemannsland-Türkis und Magenta leuchtet, fasst Kliemann seine Vision zusammen: „Das Kliemannsland ist wie ein Ferienhaus, nur gepflegter und verrückter und zu 100% sinnvoll und dass mehrere Leute es sich teilen. So ist das Kliemannsland.“ Das ist so idealistisch, dass es fast ein wenig ironisch klingt – aber ziemlich sicher ernst gemeint.

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