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JetztLosleben trifft Coldmirror

„Wenn ich etwas liebe, dann verarsche ich es“

Kathrin Fricke, besser bekannt unter dem Namen „Coldmirror“ war eine der ersten Youtuberinnen in Deutschland und ist bis heute auch eine der größten. Mehr als 1,3 Millionen Abonnenten hat allein ihr Hauptkanal. Berühmt wurde Kaddi mit Neusynchronisierungen der Harry-Potter-Filme, die sie selbst als schlampig animierte, satirische Kunstwerke bezeichnet. In letzter Zeit spricht sie in verschiedenen Funk-Formaten aber auch über sensible Themen, wie ihre eigenen Depressionen und erreicht damit viele junge Menschen. Kaddi könnte heute reich sein, hat sich aber bewusst dagegen entschieden. Uns hat sie erzählt, was sie antreibt, wie sie zu der geworden ist, die sie heute ist und wann sie gemerkt hat, dass sie genau den richtigen Weg eingeschlagen hat.

Redakteur Merlin Nolte
von Merlin Nolte8 Juni, 2021
Kathrin Fricke aka Coldmirror im Interview

JetztLosleben: Du bist eine von Deutschlands bekanntesten YouTuberinnen, hast mehr als eine Millionen Abonnenten. Was ist dein Erfolgsrezept?

Kaddi: Mein total cleveres Erfolgsrezept ist, dass ich nie groß erfolgreich werden wollte. Ich habe Videos gemacht, weil ich Lust dazu hatte und, um mich kreativ auszudrücken. 2006 habe ich mich bei Youtube angemeldet, weil ich meine lustigen Videos irgendwo hochladen wollte, um sie Freunden zu zeigen. Das war einfacher als sie immer auf eine VHS-Kassette zu überspielen. Youtube war die einzige Video-Hosting-Plattform, für die man nichts bezahlen musste. Geld verdienen konnte man früher damit auch noch nicht. Aber mit der Zeit wurden aus ein paar Freunden viele tausende Zuschauer, die meine Videos gut fanden und das fand ich total überwältigend, aber auch cool – zu wissen, dass da so viele Menschen sind, die meinen Humor teilen und meine Videos abfeiern. Damit bekannt zu werden oder sogar Geld damit zu verdienen habe ich nie geplant. Ich bin auch immer noch verblüfft, dass es passiert ist!

JetztLosleben: Glaubst du, dass das im heutigen YouTube-Deutschland nochmal so funktionieren würde?

Kaddi: Nein. Weil Youtube heute nicht mehr eine kleine, kreative Community aus Hobbyfilmern ist, sondern eine riesige Plattform voller Werbung, die ab und zu mal von kreativen Videos unterbrochen wird. Als ich neu auf Youtube war, habe ich nie die Notwendigkeit verspürt, darauf hinzuweisen, dass man mich abonnieren soll. Die Abos kamen gemächlich von alleine und die Follower-Zahl, die da jetzt steht, ist über Jahre entstanden. Es war eine Aneinanderreihung von Zufällen und einem großen Hype um Harry Potter, ein Thema zu dem ich damals wie heute immer mal wieder Content produziert habe. Wenn ich heute komplett neu starten würde, dann würden meine Videos wahrscheinlich auch Fan-Content sein, allerdings ist das Copyright-System jetzt viel besser und ich würde bestimmt schon nach der ersten Harry Potter Synchro einen Copyright-Strike kriegen und die Lust verlieren. Dann würde ich mir einen neuen Kanal erstellen und Food-Reviews für Tiefkühlpizza machen!

JetztLosleben: Wie würdest du jemandem, der noch nie von Coldmirror gehört hat, deine Kunst beschreiben?

Kaddi: „Coldmirror“ ist das Pseudonym von so’ner komischen Frau aus‘m Internet, die auf diesem Youtube-Dings lustige Videos macht. Das sind dann Parodien, Animationen, Fun-Synchros, Misheard Lyrics, Gamechecks, Podcasts – alles Mögliche. Manchmal kleine, kurze, dumme Videos mit humoristischen Elementen. Manchmal lange, künstlerisch wertvolle, analytische Videos. Und manchmal totaler Scheiß! Das macht sie nicht ganz regelmäßig, dafür aber schon sehr lang!

JetztLosleben: Schlampig gezeichnet, schlampig animiert – wie bist Du von der Fan-Synchro zum Animationsfilm gekommen?

Kaddi: Durch meine Youtube-Videos, die ich anfangs wirklich nur aus Langeweile gemacht habe, bekam ich ganz zufällig einen Job beim Radiosender YouFM. Die hatten meine Videos gesehen und fanden mich lustig. So sind die „YouFM Gamechecks“ entstanden, in denen ich für den Sender Videospiele angetestet und witzig bewertet habe. Durch diese Zusammenarbeit haben sich mit der Zeit neue Kontakte ergeben. Der Sender Einsfestival wollte mit YouFM eine lustige Fernsehsendung produzieren und mir wurde angeboten, das mal zu versuchen. Eher als Gag habe ich vorgeschlagen, dass ich ja auch mal sowas wie „stumpfe Animescheiße“ zeichnen könnte, also eine Parodie diverser Animeserien, wo ich Pokemon, Sailermoon, und diverse Serien meiner Kindheit verarsche. Und aus dem Gag wurde dann tatsächlich eine kleine schlampige Animationsserie, die im richtigen Fernsehen lief.

JetztLosleben: Von coldmirror zu Kaddi, vom Hobby zum Beruf – YouTube ist persönlicher und größer geworden. Wie war das für dich, mit der Plattform erwachsen zu werden und die Anonymität des Synchro-Formats abzulegen?

Kaddi: Ich war schon erwachsen, als ich mit Youtube angefangen habe. Ich würde aber sagen, ich bin schon etwas reifer geworden und auch sensibler. Wirklich anonym ist ja niemand mehr, es sei denn man entzieht sich dem Internet und jeglicher Online-Präsenz. Anfangs war Videos machen für mich nur ein Ventil, um mich kreativ auszuleben. Dass ich durch die Nutzung von Youtube jetzt auch meine Miete bezahlen kann, ist ein netter Nebeneffekt. Es passiert schon manchmal, dass ich auf der Straße erkannt werde und dann Autogramme schreiben darf. Teilweise sehen mich die Leute nicht mal, sondern hören nur meine Stimme, wenn ich mich beim Einkaufen drei Regale weiter mit jemandem unterhalte und kommen dann zaghaft auf mich zu, um mich um ein Foto zu bitten.

Nicht mehr anonym und sogar „berühmt“ zu sein ist schon komisch, weil ich es ja nie wirklich drauf angelegt habe. Es sind aber alles sehr liebe Menschen. Ich muss ja zugeben, dass ich es schon ein kleines bisschen cool finde, dass ich noch nie zu einem Vorstellungsgespräch musste, weil potenzielle Arbeitgeber einfach meine Videos gesehen haben und sich dadurch schon ein Bild machen konnten, was ich kann, wie ich arbeite und wie ich drauf bin.

JetztLosleben: Anime, Nerdculture, Hardcore-Punk, Fanfiction: Was inspiriert dich eigentlich, zu dem, was du machst?

Kaddi: Liebe. Ich neige ja dazu Dinge zu parodieren und Leute glauben dann, dass ich das mache, weil ich die Sache nicht mag. Aber es ist eigentlich das Gegenteil: Ich bin Fan von einer Serie oder einem Film und verspüre einen großen Drang dazu beizutragen, meine Liebe irgendwie auszudrücken. Dann entstehen Synchros, Podcasts, Animationsserien und Co. Ich könnte mich doch nicht so intensiv mit einem Thema befassen, wenn ich es hassen würde. Wenn ich etwas liebe, dann verarsche ich es. Meine Art Liebe auszudrücken, ist eben etwas eigen.

JetztLosleben: Berühmt bist du durch deine Neusynchronisationen der Harry-Potter-Filme geworden. Heute warten tausende Abonnenten sehnsüchtig auf die neue Folge des Harry-Podcast: Warum hat die Harry-Potter-Welt solche Anziehungskraft auf dich und die Fans?

Kaddi: Ich kann nur sagen wir es bei mir war: Harry Potter zu lesen hat mir damals aus meiner Depression herausgeholfen und mir in einer Zeit, in der ich viele dunkle Gedanken im Kopf hatte, wieder ein kleines Licht am Ende des Tunnels gegeben, weil ich mich auf die nächsten Bücher und Filme gefreut habe. Es war eine (weitere) Welt, in die ich flüchten konnte, um diverse Scheiße aus der Realität zu vergessen und meinen geistigen Fokus auf etwas anderes zu lenken als Todeswünsche. Es hat mir sehr geholfen, da ich dadurch Lust hatte, mich kreativ zu betätigen. Realitätsflucht ist nicht ideal, aber es hat das Schlimmste verhindert. Die Bücher zu verschlingen, die Filme mit Freunden zu schauen und mich mit anderen online darüber auszutauschen hat mich glücklich gemacht.

"Wir hören uns alle gegenseitig" - Der Coldmirror Podcast

"Wir hören uns alle gegenseitig" oder kurz gesagt Whuag - so heißt der neue Podcast von Kaddi, in dem sie mit Hostin Selina über die dringendsten Fragen ihrer Community spricht. Das Konzept dahinter ist denkbar einfach: Die Zuhörer können über die YouTube-Kommentarfunktion auf dem Kanal Coldmirror oder per Mail an WHUAG@funk.net ihre Fragen einreichen. Dabei ist keine Frage zu absurd, keine Antwort ist zu ernst. Denken Krebse, dass Fische fliegen können? Was ist schwerer: Anfangen oder Aufhören? Bei "Wir hören uns alle gegenseitig" gibt es Philosophie-Stunden mit Kaddi. Und unterhaltsam wird es auch, denn der typische Coldmirror-Humor bleibt natürlich auch hier nicht aus. Die neue Folge erscheint jeden zweiten Freitag auf allen gängigen Podcast-Plattformen (ARD-Audiothek, Spotify, etc.) sowie auf YouTube.

JetztLosleben: Im Format Bubble sprichst du unter anderem über deine Depression und erreichst damit viele junge Menschen. Warum ist dir das ein Anliegen?

Kaddi: Wenn mein 16-jähriges Ich, das es gehasst hat am Leben zu sein und sich den Tod gewünscht hat, mich jetzt sehen könnte, dann würde klein Kaddi, glaube ich, ein riesiger Stein vom Herzen fallen, weil sie sieht: „Am Leben sein ist doch ganz okay.“ Manchmal fühlt man sich scheiße und hat keinen Bock auf alles, aber es wird okay. Es wird nicht superhappy und toll, aber es wird okay. Und okay ist gut! Manchmal schreiben mir Leute, dass sie durch mich und meine Videos Freunde gefunden haben, dass sie durch meine Videos zum Lachen gebracht werden, wenn sie einen schlechten Tag hatten und ein bisschen Mut fassen. Mir ist bewusst, dass ich für manche tatsächlich ein Vorbild bin. Das ehrt mich und gibt mir selber auch die Kraft, weiterzumachen. Ich hatte nie wirklich viel Selbstwertgefühl und dachte immer „ich bin nichts wert, ich kann nichts, außer Quatsch machen“. Es hat viel zu lange gedauert, bis ich erkannt habe, dass auch das einen Wert hat und dass jemandem zum Lachen bringen eine Gabe ist. Wenn ich jüngeren Leuten begegne, die sich genauso fühlen wie ich, als ich klein war, die sich irgendwie wertlos oder verloren in der Welt fühlen, als würden sie nicht dazu passen, dann sehe ich es als meine Aufgabe zu sagen: Doch! Halt noch ein kleines bisschen weiter aus. Mir ging es wie dir. Es wird okay.

Depressionen erkennen und behandeln

Rund 20 % aller Menschen erkranken irgendwann im Leben an einer Depression oder einer depressiven Verstimmung. Anders als normale Stimmungsschwankungen gehen Depressionen unbehandelt nicht einfach vorüber. Deshalb solltest du dich nicht scheuen, dir bereits bei kleinen Anzeichen, Hilfe zu holen. Klassische Symptome einer depressiven Erkrankung sind:

  • Leere
  • Hoffnungs- und Antriebslosigkeit
  • Angst
  • Schlafstörungen
  • Appetitlosigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Selbstzweifel
  • Schuldgefühle
  • Kopfschmerzen
  • Magendrücken

Meist sind die Beschwerden zu einer bestimmten Tageszeit (häufig morgens) besonders belastend. Je früher du sie erkennst und dir Hilfe suchst, desto besser. So erhöhst du deine Heilungschancen. Wende dich am besten an deinen Hausarzt. Er kennt dich und wird dich bei Bedarf an einen Facharzt überweisen. Hast du Fragen rund um das Thema, kannst du dich auch beim Info-Telefon Depression anonym und vertraulich beraten lassen. In akuten Fällen wende dich bitte an die 112. Weil psychische Erkrankungen, wie Depressionen, die Hauptursache für Berufsunfähigkeit sind, ist die Berufsunfähigkeitsversicherung eine der wichtigsten Versicherungen. Sie schützt du dich vor existenziellen finanziellen Risiken, die entstehen können, wenn du deinen Job nicht mehr ausüben kannst.

BerufsunfähigkeitsversicherungPsychische Erkrankungen wie Depressionen sind Hauptursache für Berufsunfähigkeit.

JetztLosleben: Metriken, Klickzahlen, 10-Minuten-Videos und der Algorithmus: Es macht nicht den Eindruck, als würdest du den Zwängen der Plattform hinterherhecheln. Glaubst du, dass diese Herangehensweise deinem Erfolg ab- oder eher zuträglich ist?

Kaddi: Ich hatte mal ein Gespräch mit einem netten Menschen vom Finanzamt, der mein Einkommen geschätzt hat, basierend auf den Summen, die andere Youtuber verdienen. Diese Summe hätte ich doch bitte zu versteuern – es war so witzig und gleichzeitig unwirklich diese utopisch hohe Zahl zu hören. Das wäre also der Betrag gewesen, den ich verdienen könnte, wenn ich alle Möglichkeiten ausgeschöpft hätte. Aber davon bin ich weit entfernt, denn ich habe keine Ahnung vom Algorithmus und habe mehr als 10 Jahre gebraucht, um auf eine Million Follower zu kommen, weil ich nicht „like, comment and subscribe!“ am Ende von Videos brülle. Ich verkaufe kein Merchandise und habe, was finanziellen Erfolg angeht, komplett versagt.
Aber ich habe das große Glück, dass meine Kunst geschätzt wird. Ich arbeite mit echten Menschen zusammen und habe mich nicht von YouTube abhängig gemacht, dass die kreativen Content Creator dazu zwingt, Werbung zu machen, damit sie über die Runden kommen. Ich habe eine sadistische Freude daran, zu wissen, dass dieses System mit mir kein Geld verdient. Ich hab keinen Bock darauf relevant zu sein, mache Videos die mein Nischeninteresse befriedigen und Leute, die so ticken wie ich, schauen sich das dann gerne an. Dadurch hat sich ein harter Kern von Zuschauern gebildet, der bewusst und ohne Tricks, tatsächlich den Kram sehen will, den ich fabriziere. Und dann kommt aus der Zuschauermenge jemand und sagt mir „ich habe mich nicht umgebracht, weil ich durch deine Videos wieder ein bisschen lachen konnte, du bist cool, mach bitte weiter so.“ Das ist dann der Moment, in dem ich merke, dass bei mir alles gut so ist, wie es ist. Das würde ich mal als großen Erfolg abbuchen.

JetztLosleben: Was würdest du jungen Menschen raten, die gerne Content-Creator oder Influencer werden möchten?

Kaddi: Mach, was immer dich glücklich macht. Ich bin da die falsche Ansprechperson, denn ich hatte nie einen Berufsplan. Soweit ich das mitgekriegt habe, fallen diese Berufe vermehrt in die Sparte von Beauty/Charisma und schön, und schlank, laut und happy sein. Alles Dinge, die ich nicht unbedingt bin. Aber wenn du, lieber junger Mensch, der das hier gerade liest, so werden willst wie ich, dann gebe ich dir den Rat: Mach etwas, das dich erfüllt und was du so oder so machen würdest, auch ohne Bekanntheit oder Geld. Wenn die Sache, das Projekt, der Content an sich so cool sind, dass du abends im Bett liegst und denkst “haaach, das könnte ich mein ganzes Leben lang machen”, dann mach!

JetztLosleben: Welche Pläne hast du für die nächsten Jahre?

Kaddi: Im Idealfall gibt es Youtube in den nächsten Jahren noch und ich mache weiterhin doofe Videos, interessante Podcasts oder auch coole Hörspiele. Ich arbeite gerne mit meiner Stimme und bin gerne albern. Vielleicht schreibe ich aber auch irgendwann mal ein Drehbuch für einen richtig guten Film. Vielleicht schmeiß ich aber auch alles hin, ziehe mich zurück und werde eine exzentrische Rennmaus-Züchterin. Und ich werde noch mehr Pizza essen!

JetztLosleben: Vielen Dank Kaddi, für das offene Gespräch!

Foto: © Felix Leichum

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