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Hund adoptiert?

„Schimpfen kann zu einem Vertrauensverlust führen“

Wenn ich mich mit meinem Hund in Richtung Innenstadt bewege, merke ich schon, wie sein Herz schneller schlägt. Viele Menschen? Nein, das mögen wir gar nicht. Das macht uns nervös. Im Restaurant still unter dem Tisch liegen? Ein kleiner Albtraum. Wie viele Sofakissen schon dem Stress des Alleinseins zum Opfer gefallen sind, kann ich lange nicht mehr an zwei Händen abzählen. Aber das ist okay. Er braucht Zeit. Den ersten Teil seines Lebens hat er bei seiner Vorbesitzerin verbracht. Einer Frau, die ihr Haus schätzungsweise einmal im Schaltjahr verlassen hat. Das heißt: kein wirklicher Kontakt zu anderen Menschen, geschweige denn Hunden. Kein Stadt-Getümmel, keine Allein-Zeit. Für unseren heutigen Alltag bedeutet das vor allem viel Arbeit und noch mehr Geduld.

Redakteurin Charlotta Witte OEVB
Mehrere Hunde die man adoptieren kann
Das Wichtigste in 60 Sekunden

Wer einen Hund adoptiert, sollte auf einiges achten. Gerade die ersten Wochen sind prägend für das restliche Leben deines tierischen Begleiters. In dieser Zeit sollte er alles kennen lernen, was ihm auch im späteren Leben begegnet. Auch an die Grundkommandos darfst du dich heranwagen. Allerdings solltest du deinen neuen Hund nicht überfordern. Gönne ihm Ruhepausen, sei nachsichtig bei kleineren Verwüstungen und halte dich mit dem Schimpfen zurück – gerade, wenn es um die Stubenreinheit geht. Damit es auch für dich nicht zu viel wird, kannst du dich schon im Vorhinein an Hundeschulen wenden. Aber Vorsicht: Aversive Methoden und immer gleiche Programme sind ein No-Go.

Die ersten Monate mit einem neuen Hund sind wichtig für ihn – und für eure Beziehung zueinander. Vielleicht wirst du, genau wie ich, das wieder gut machen müssen, was Andere verpasst haben. Vielleicht hast du auch von Anfang an die Chance, alles richtig zu machen. In jedem Fall gibt es einiges zu beachten.

Was, das weiß Valérie Pöter. Die studierte Tierärztin aus Oldenburg hat eine zweijährige Ausbildung zur Hundetrainerin bei Martin Rütter DOGS durchlaufen. Seit 2018 ist sie selbst als DOGS Coach Teil des deutschlandweiten Netzwerks und lebt die Trainingsphilosophie Martin Rütters in ihrer Hundeschule. Ihr Spezialgebiet: Verhaltenstherapie beim Hund. Täglich arbeitet sie mit Menschen und deren flauschigen Begleitern an der richtigen Kommunikation untereinander – aber auch daran, Aggression und Ängste abzubauen.

Hundeexperte Martin Ruuetter und Kollegin Valerie Poeter
Hundetrainerin Valérie Pöter und Martin Rütter

Der Grundstein: Das DOGS Prinzip

Die Philosophie, die Tierpsychologe, Hundetrainer und Fernsehliebling Martin Rütter bereits vor über 20 Jahren entwickelte, ist die Grundlage des Ausbildungsprogramms der DOGS Coaches. Dabei geht es nicht darum, ein unterwürfiges Accessoire für die Abwechslung im Familienalltag zu erziehen. Wer einen Hund adoptiert, soll stattdessen den Bund zwischen Tier und Menschen stärken und gemeinsam an Problemen arbeiten. DOGS steht für Dog Oriented Guiding System, einem Plan von Werten und Zielen, mit denen diese Zusammenarbeit umgesetzt werden soll. Wie der Name bereits verrät, steht hier die eigentliche Hauptfigur im Mittelpunkt: der Hund. Die Erziehungsmethode verspricht eine leise, einfühlsame und vor allem gewaltfreie Herangehensweise, die sich ganz an der Persönlichkeit des Hundes orientiert. Auch das Training wird an seine individuellen Bedürfnisse angepasst.

Du stellst die Weichen: Die ersten Wochen mit neuem Hund

„Die ersten 16 Lebenswochen eines Welpen sind sehr entscheidend für sein späteres Leben“, erklärt Valérie Pöter. „Traumatische Erlebnisse können ihn lebenslang negativ beeinflussen.“ In diesem Punkt sind sich Babys und Welpen sehr ähnlich. Und genau wie bei Kindern geht es erstmal darum, ihre Bedürfnisse kennen und lesen zu lernen, um richtig auf sie eingehen zu können. Wenn du einen Hund adoptierst, solltest du dir dafür genügend Zeit nehmen. Musst du nebenher 45 Stunden pro Woche im Homeoffice werkeln, sind das vermutlich nicht die perfekten Voraussetzungen für die Welpenaufzucht.

„Zieht ein Hund in das neue Zuhause ein, ist es wichtig, ein gutes Mittelmaß zwischen den ersten Übungen, Ausflügen, die der Sozialisierung dienen und genügend Ruhephasen zu finden“, ergänzt die Tierärztin. Denn dein Hund sollte in dieser Zeit möglichst alle Reize kennen lernen, die ihm auch im späteren Leben begegnen werden: Autos, Radfahrer, fremde Menschen oder andere Tiere. So kann sich dein neuer Hund richtig eingewöhnen. Überfordern solltest du ihn allerdings nicht.

Holst du dir keinen Welpen, sondern einen Hund aus dem Tierheim oder übernimmst ihn von einer anderen Familie, solltest du dich über sein bisheriges Leben informieren. Seine Vorgeschichte kann für euer Zusammenleben entscheidend sein, das weiß Valérie Pöter. „Hat der Hund in jungen Jahren bereits viele gute Erfahrungen gemacht, werden die Umweltreize in seiner neuen Umgebung eher unproblematisch sein“, erklärt sie. „Hat der Hund aufgrund seiner Haltungsbedingungen jedoch sehr wenige Erfahrungen sammeln können oder sogar schlechte Erfahrungen mit unterschiedlichen Reizen gemacht, sieht das anders aus.“ Dann können die ersten Tage und Wochen im neuen Zuhause schwierig werden – für alle Beteiligten.

Tipp für werdende Hundeeltern:

Es ist nicht immer klar, was dein neuer Hund in der Vergangenheit erlebt hat. Gerade bei ehemaligen Straßen- oder Tierheimhunden solltest du die ersten Wochen nicht zu sehr romantisieren. Wer hundeunerfahren ist, kann schnell an seine Grenzen kommen. Deshalb rät Expertin Valérie Pöter dazu, sich bereits im Vorfeld so gut es geht zu informieren, den Hund zu besuchen, zur Probe auszuführen oder die Beratung einer entsprechenden Hundeschule zu nutzen – noch bevor dein pelziger Freund bei dir einzieht. So kannst du dich vorbereiten, für den Fall, dass nicht alles perfekt laufen sollte.

Zu viel Enthusiasmus?

Vermutlich freust du dich schon eine ganze Weile auf die Ankunft deines neuen Familienmitglieds. Vielleicht hast du dir auch schon ausgemalt, welche Hundetricks du ihm zuerst beibringst und wie ihr sie stolz vorführen könnt. Du solltest deinen Enthusiasmus trotzdem etwas zügeln, damit sich dein Hund erstmal eingewöhnen kann. „Die Erwartungen an den Hund und sich selbst sind hoch, schließlich sollen die ersten Wochen perfekt laufen und nichts schief gehen“, weiß Hundetrainerin Valérie Pöter. Deshalb bestehe die Gefahr, sich selbst und den Hund zu überfordern. „Konzentriere dich in den ersten Wochen erst einmal auf die Grundsignale wie Sitz, Platz, Bleib, den Rückruf und die ersten Schritte der Leinenführigkeit“, rät die Expertin.

Ein ruhiger Spaziergang an der Leine mag nicht so spektakulär aussehen wie andere Hundetricks, trotzdem steckt hinter beidem viel Arbeit. Und das nicht nur für den Hund. Du musst z.B. ständig darauf achten, dass Verhaltensweisen, die nicht erwünscht sind, nicht versehentlich belohnt werden – gerade in der Welpen- und Junghundezeit. Keine einfache Aufgabe. „Zieht dich dein Hund angeleint zu anderen Hunden oder Menschen, um mal kurz „Hallo“ zu sagen, belohnt er sich z.B. für das Ziehen an der Leine“, erklärt Valérie Pöter. Das solltest du in jedem Fall vermeiden. Stattdessen empfiehlt die Hundetrainerin: „Bringe deinem Hund bei, dass er, wenn er angeleint ist, nicht jeden Menschen und jeden Hund begrüßen darf. Das klappt, indem du dich nicht hinterher schleifen lässt.“

Hund adoptiert? 4 Experten-Tipps für frischgebackene Hundeeltern

1. Nimm dir genügend Zeit für die ersten Wochen

Insbesondere bei Welpen, aber auch bei Hunden aus dem Tierschutz, funktioniert das Alleine-Bleiben nicht sofort. Je nach Hund braucht es Training und mehrere Wochen bis Monate, bis man den Hund ruhigen Gewissens ein paar Stunden alleine lassen kann. Zeitdruck ist eine schlechte Voraussetzung für das Training.

2. Hab Geduld und trainiere in kleinen Schritten

Es ist besser, mit einem jungen Hund drei Mal am Tag fünf bis 10 Minuten zu trainieren, anstatt einmal 15 oder 30 Minuten.

3. Verstecke deine Lieblingsteile und sag dem Zierrasen adieu!

Geliebte Einrichtungsgegenstände können in der ersten Zeit der fehlenden Stubenreinheit, dem Zahnwechsel, aber auch den wilden fünf Minuten zum Opfer fallen. Stell dich außerdem darauf ein, dass dein Hund den Garten umgräbt und Blumen ausreißt. Die Schleppleine und ein gutes Rückruftraining können dir aber Abhilfe verschaffen.

4. Genieße die Welpenzeit

Auch wenn du auf tausend Dinge achten musst und einiges vermutlich anstrengend wird: Freu dich drauf. Die ersten Wochen mit Hund sind nicht nur schön, sondern auch spannend. Ihr erlebt gemeinsam neue Dinge, lernt euch kennen und legt den Grundstein für eine lebenslange Freundschaft.

Suesser Hund liegt auf dem Sofa
Zwei Hunde kuscheln miteinander
Frau hat einen Hund adoptiert und kuschelt mit ihm
Mann spricht mit seinem adoptierten Hund

Pipi und Langeweile: Die Mythen der Hundeerziehung

Das Internet ist auch in Sachen Hundeerziehung eine Sammelgrube selbsternannter Experten und Tierflüsterer. Wer zum ersten Mal einen Hund adoptiert, wird echte Tipps von Scheinwissen kaum unterscheiden können. Einige Erziehungsmythen halten sich hartnäckig. „Hierzu gehört beispielsweise, dass man mit einem Welpen schimpfen sollte, wenn er in die Wohnung pinkelt“, klärt Expertin Valérie Pöter auf. Das trage leider nicht dazu bei, dass die Stubenreinheit schneller gelernt wird. Im Gegenteil: „Schimpfen kann zu einem Vertrauensverlust, zu Angst oder Hilflosigkeit führen.“ Viel wichtiger sei es, Rituale zu schaffen, damit die Hundeerziehung ohne Stress gelingt. Die Lösung: Regelmäßig alle zwei Stunden rausgehen, besonders nach jedem Fressen und Trinken, beim Spielen oder wenn der Welpe aufwacht. Natürlich kannst du damit nicht alle Unfälle verhindern, aber das ist höchstens für deinen Teppich tragisch. Die Hundetrainerin weiß, was zu tun ist: „Statt zu schimpfen bringt man den Welpen am besten einfach nach draußen, um ihm beizubringen: Hier macht man Pipi.“ Auf Nummer sicher gehst du, wenn du eine entsprechende Versicherung abschließt, die mögliche Schäden, die dein Vierbeiner anderen Menschen oder deren Einrichtungsgegenständen zufügt, finanziell absichert. Das Risiko, dass dein Welpe das teure Perser-Sofa deiner Eltern als Toilette benutzt, ist schließlich nicht gerade gering. Vor allem in der Anfangszeit.

TierhalterhaftpflichtJunge Hunde sind stürmisch - und können jede Menge Chaos hinterlassen.

Wer Junghunde schon einmal in Action gesehen hat, kennt die berüchtigten „fünf Minuten“. Die Raserei durch die gesamte Wohnung, die eine Schneise des Chaos hinterlässt. Auch ansonsten können übermütige Junghunde hibbelig wirken, die Hummeln im Hintern nicht abstellen und sich ruhig dazulegen. Dass das jedoch ein Zeichen von zu geringer Auslastung ist, ist ebenfalls ein Mythos. Natürlich, dein Hund muss geistig und körperlich beschäftigt werden, aber er muss auch lernen, zur Ruhe zu kommen. „Aus meiner Sicht ist eines der wichtigsten Themen im Junghundealter, dass die Tiere lernen müssen, Langeweile und Frust auszuhalten“, bestätigt Valérie Pöter. „Häufiger beobachte ich Kunden, die ihrem Hund Auslastung und Beschäftigung bieten, bei denen aber das Ausruhen und Erholen zu kurz kommt.“ Auch hier gilt es also, den Enthusiasmus manchmal einen Gang zurückzuschalten.

Augen auf bei der Hundetrainerwahl

Die Bezeichnung „Hundetrainer“ ist kein geschützter Begriff, für den es eine standardisierte Ausbildung oder staatlich anerkannte Diplome gibt. Deshalb solltest du vorsichtig sein, wenn es um die Wahl deiner Hundeschule geht. Du kannst zum Beispiel darauf achten, dass dein Hundetrainer ein Zertifikat für eine entsprechende Ausbildung vorweisen kann, z.B. das IHK Zertifikat des Berufsverbandes der Hundeerzieher/innen und Verhaltensberater/innen. Auch Martin Rütter DOGS bietet eine entsprechende Ausbildung an, deren Erfolg abschließend – wie alle Ausbildungen – von einem Veterinäramt oder der Tierärztekammer überprüft wird.

Ebenfalls kritisch solltest du die Methoden potentieller Hundeschulen hinterfragen. „Leider gibt es immer noch viele Trainer und vermeintliche Hundeexperten, die der Ansicht sind, Hunde müssten über Härte und Dominanz erzogen werden“, erklärt Pöter. Dass Hunde für einen entspannten Alltag klare Regeln brauchen, bestreitet sie nicht. Solltest du allerdings bemerken, dass die Hunde körperlich gemaßregelt oder aversive Erziehungsmethoden genutzt werden, machst du lieber einen großen Bogen um entsprechende Hundetrainer.

Auch wenn du das Gefühl hast, dass auf dich und deinen frisch adoptierten Hund nicht richtig eingegangen wird, ist eine Zusammenarbeit wenig sinnvoll. „Hundetraining sollte individuell an jedes Mensch-Hund-Team angepasst sein“, bestätigt die Expertin. „Statt einen Hund für ein unerwünschtes Verhalten einfach nur zu maßregeln und das Verhalten zu unterdrücken, sollte nach der Ursache gesucht und das Training auf deren Behebung abgestimmt werden.“ Einfühlsamkeit, Ruhe und Konsequenz ist das, nach dem du suchst.

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