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Gründerinnen: Zwischen Euphorie und Panikattacke

Die meisten Unternehmen werden nach wie vor von Männern gegründet. Dabei gründen Frauen nicht weniger erfolgreich. Im Gegenteil: Frauen in Führungspositionen wirken sich oftmals positiv auf die Unternehmenszahlen aus. Was hält sie also davon ab, ihre eigenen Ideen umzusetzen? Darüber sprechen wir mit drei Gründerinnen, die den Traum vom eigenen Business gerade verwirklichen oder bereits leben.

Redakteurin Annika Adler
von Annika Adler30 August, 2021
Junge Frau gründet ihr Unternehmen am Laptop
Das Wichtigste in 60 Sekunden

Frauen in Führungspositionen machen Unternehmen erfolgreicher, aber die wenigsten Frauen gründen ein Unternehmen. Zum einen lässt sich Gründung nach wie vor schwer mit Familienleben und Kinderbetreuung vereinbaren. Zum anderen haben Frauen auch deutlich mehr Hürden zu überwinden: Investoren finanzieren am liebsten männliche Teams und Frauen bekommen im Durchschnitt deutlich weniger Geld. Crowdfunding kann eine Alternative sein, zumal Frauen oft Sozialunternehmen gründen, die gerade bei Crowd-Plattformen besser abschneiden als rein gewinnorientierte Start-ups.     

Stella Kocademirci sitzt lachend auf der Wiese
Stella Kocademirci, FÜHLdichGUT / Foto: Bernd Hermes

Gründen, das wollte Stella Kocademirci bereits als Jugendliche. Nur ein Herzensthema fehlte ihr noch. Sie studierte PR in Hannover, arbeitete als Eventmanagerin, reiste um die Welt. Dann kam die Pandemie – und eine Idee begann, sich zu formen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Stella bereits viel mit Nachhaltigkeit, Konsum und fairer Mode beschäftigt, hinterfragte immer mehr ihren eigenen Lebensstil. Ihr Konzept reifte – und sie stürzte sich in die Selbstständigkeit. Nun steht die Dreißigjährige kurz vor der Eröffnung ihres „FÜHLdichGUT“-Stores in Hannover, eine Mischung aus Einkaufsladen und Eventfläche, wo sie faire Kleidung verkaufen und Veranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit organisieren möchte. 

Frauen wie Stella sind in Deutschland immer noch selten, Unternehmensgründung ist hier meistens Männersache. Im letzten Jahr gingen laut dem Deutschen Startup Monitor gerade mal 15 Prozent aller Start-up-Gründungen auf Frauen zurück. Die meisten Gründerinnen starten entweder als Einzelkämpferin oder zusammen mit männlichen Kollegen durch, nur 16 Prozent entscheiden sich für ein Frauenteam. Die Männer hingegen tun sich am liebsten mit anderen Männern zusammen – ganze 65 Prozent gründen mit rein männlicher Besetzung. Warum ist das so? 

"Gründen als Mutter: Eine Zerreißprobe"

Fragt man Stella Kocademirci, muss sie nicht lange überlegen: „Das größte Problem ist nach wie vor der schwer umsetzbare Spagat zwischen Selbstständigkeit und Familie“, sagt sie. Für sie müsste einiges getan werden, damit mehr Frauen mit einem sicheren Gefühl gründen können. „Frauen, die selbstständig sind und Kinder bekommen, erhalten kaum finanzielle Unterstützung vom Staat, haben kein Anrecht auf Elternzeit oder Mutterschutz und müssen oftmals direkt nach der Geburt des Kindes wieder arbeiten, da es sonst zu finanziellen Engpässen kommt.“ Stella erinnert sich noch gut an den Start ihrer Gründung: „Ich habe sofort das Gefühl gehabt, mich zwischen der Selbstständigkeit und einer Familie entscheiden zu müssen.“

Ein Job für die ganze Familie

Stefanie Fischer & Nina Sommer, HOMB

Ähnlich sieht es Nina Sommer. „Gründen und zugleich Mama sein ist eine sehr große Zerreißprobe“, sagt sie. Zusammen mit ihrer Gründerpartnerin Stefanie Fischer hat die gelernte Hotelfachfrau die neuartige Stehtrage „HOMB“ entwickelt, eine Alternative zum Buggy für Kinder zwischen 1,5 und 4 Jahren. Gerade in der frühen Phase der Gründung fanden viele Beratungen, Seminare und Messen zu Zeiten statt, die sie nur schwer mit der Betreuung ihrer kleinen Kinder vereinbaren konnten. „Die Gründung muss von der ganzen Familie mitgetragen werden, nicht nur von den Gründerinnen auf dem Papier“, sagt Nina. 

Das liegt auch am vielen Drumherum, das die Gründung eines Unternehmens mit sich bringt. Wer selbstständig ist, muss nicht nur enorm viel Zeit in die Organisation der eigenen Finanzen und Steuerangelegenheiten stecken, sondern auch selbst dafür sorgen, dass er rundum versichert ist. Dazu gehört beispielsweise die private Krankenversicherung, aber auch eine Betriebshaftpflichtversicherung. Schließlich haftet dein Unternehmen mit dem gesamten Geschäftsvermögen (und vielleicht sogar deinem Privatvermögen), wenn z. B. einer deiner Mitarbeiter unachtsam ist und das Eigentum anderer beschädigt oder sie verletzt. 

Um dich ganz auf den Erfolg deiner eigenen Idee konzentrieren zu können, sollten solche Angelegenheiten im Vorhinein geklärt werden. Deshalb lohnt es sich, einen vertrauensvollen Berater an der Seite zu haben, der einem diesen Teil der Arbeit abnimmt und mit der eigenen Expertise unterstützt. 

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Wo ist der Hut, unter den alles passt?

Anna Iversen als selbstständige Sprecherin
Anna Iversen, FUTUR X

Gründung bedeutet so schon deutlich mehr Arbeit – plus irreguläre Arbeitszeiten und unklare Erfolgsaussichten. „Diese Bedingungen machen das Unternehmertum für viele Frauen, vor allem mit Kindern, ziemlich unattraktiv“, sagt Anna Iversen. Die Prototyperin bei der Innovationsgesellschaft FUTUR X, der Innovationsentwicklungseinheit der VGH Versicherungen. Sie ist quasi Gründerin von Beruf und hat in den letzten sechs Jahren fünf verschiedene Start-ups gegründet. „Selbstständigkeit fordert eben viel Zeit und viel Energie“, sagt sie. „Oftmals muss der Partner oder die Partnerin den Rücken freihalten. Heute wird aber immer noch von der Frau erwartet, dass sie den Haushalt macht und sich um die Kinder kümmert, auch wenn es sich langsam ändert.“ Anna selbst hat viele Nächte hindurch gearbeitet und weiß genau, welche Mehrfachbelastung eine Gründung mit sich bringt: „Ich hatte monatelang kein Wochenende und das führte irgendwann zu einem Burnout“, erzählt sie. Nicht alle sind dazu bereit und so entscheiden sich Frauen öfter für das Wohl der Familie und gegen den unsicheren Weg einer Gründung. 

Auch Nina und ihre Partnerin müssen immer wieder Kompromisse finden zwischen Familienzeit und dem Vorantreiben ihrer Idee. „Unser Vorteil ist, dass wir zu zweit sind und uns die Aufgaben verteilen können.“ Sie würde sich mehr Angebote zu elternfreundlichen Zeiten wünschen oder, auch im Hinblick auf Corona, mehr digitale Lösungen. „So könnte ich Kinder betreuen und zugleich ein Seminar besuchen“, sagt sie. Dann würden sich womöglich mehr Frauen für eine Gründung entscheiden. 

Frauen sind erfolgreicher – aber oft fehlt das Vertrauen

Was ökonomisch sinnvoll sein könnte: Denn Unternehmen mit Frauen an der Spitze sind erfolgreicher. Das belegt zum Beispiel der Gender Diversity Index, der 2019 hundert börsennotierte Unternehmen untersuchte. Diejenigen mit Frauen in Führungspositionen schnitten durchschnittlich um zwei Prozentpunkte besser ab als der DAX. Eine Studie der internationalen Arbeitsorganisation zeigte, dass Frauen im Topmanagement die Gewinne um fünf bis 20 Prozent steigern können. Und laut dem Female Founders Report schaffen frauengeführte Start-ups im Schnitt deutlich mehr Arbeitsplätze. 

Ihren Weg zur Gründung beschreibt Stella als ein Gefühlschaos zwischen Euphorie und Panikattacken. Und doch würde sie es wieder tun. „Es tut gut, aus der eigenen Komfortzone herauszugehen. Ich habe in den letzten Monaten so viel über mich selbst gelernt und war manchmal erstaunt, zu was ich in der Lage bin.“ Sie würde sich wünschen, dass viele andere Frauen diesen Weg gehen und an ihre Ideen glauben. Daran hapert es aber noch. Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft ermittelte, dass das Vertrauen der Mädchen in ihre Kreativität deutlich geringer ist als bei den Jungs – und dass sie sich viel weniger vorstellen können, selbst ein Unternehmen zu gründen. Gründerinnen sind zudem weniger sichtbar als ihre männlichen Kollegen und tauchen seltener in den Medien auf. So fehlt es auch an Vorbildern, die andere Frauen inspirieren. 

Junge Frau arbeitet sitzend am Macbook
Junge Frauen in Führungsposiiton beraten sich miteinander
Kleines Mädchen springt neben seiner Mama am Laptop auf und ab
Junge Frau arbeitet als Designerin an der Nähmaschine

Weniger Geld für Gründerinnen 

Und es gibt ein weiteres handfestes Problem: das Geld. Männer haben mehr davon – und sie geben es am liebsten anderen Männern. Studien zeigen immer wieder, dass weiblich geführte Start-ups geringere Chancen haben, Investitionskapital zu akquirieren – und im Durchschnitt auch deutlich weniger Geld bekommen. Stereotype Rollenbilder könnten dabei eine Rolle spielen, wie unter anderem ein schwedisches Experiment zeigte. Forschende haben zwei Jahre lang in Investoren-Meetings gesessen und die Sprache untersucht, mit der Finanziers Gründerinnen und Gründer bewerteten. Dabei wurden die Männer etwa als „jung, aber vielversprechend“ beschrieben, Frauen jedoch meist als „jung und unerfahren“. Während vorsichtige Männer für ihre Vernunft gelobt wurden, wurde vorsichtigen Frauen öfter fehlender Mut attestiert. Wenig überraschend wurden die Bewerbungen von Frauen deutlich öfter abgelehnt als die von Männern. Und wenn ihnen eine Finanzierung zugesagt wurde, erhielten sie im Durchschnitt lediglich 25 Prozent der gefragten Summe, während Männer 52 Prozent bekamen. Wie Sexismus am Arbeitsplatz außerdem noch aussehen kann, kannst du Hier nachlesen.

Kein Wunder also, dass viele Frauen sich eher für andere Finanzierungsmöglichkeiten entscheiden, etwa Crowdfunding. Dabei werden Ideen online vorgestellt, sodass jeder Internetnutzer investieren und das Projekt fördern kann. Auch hier sind Frauen etwas weniger vertreten als Männer, aber wie Daten zeigen, sind sie dabei im Schnitt erfolgreicher. Die Motivation hinter dem Projekt ist beim Crowdfunding häufig ausschlaggebend. Und damit können Frauen in der Regel besser punkten. Sie gründen nämlich öfter Unternehmen, die ein soziales oder ökologisches Thema verfolgen. Hier herrscht ausnahmsweise mal Gleichberechtigung: Rund die Hälfte aller Sozialunternehmen werden von Frauen gegründet. Auch Nina Homb ist zusammen mit ihrer Partnerin den Crowdfunding-Weg gegangen. Mit Startnext konnten sie die erste Serienproduktion ihrer Huckepack-Trage finanzieren. Zudem gewannen sie vor kurzem 21.000 Euro bei einem Startup-Wettbewerb. Die viele Arbeit an ihrer Idee hat sich für sie gelohnt. „Auch wenn wir manchmal nicht wissen, wo uns der Kopf steht“, lacht Nina.  

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