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Arnd Zeigler: Niederlagenserien, Teil 2

Arnd Zeigler ist Herzblut-Fan des SV Werder Bremen. Seit 2001 erhitzt der Allrounder (Moderator, Journalist, Autor und Sänger) die Meute im Weser Stadion. Sein Superheldenkostüm, das Trikot mit dem grünen W, ist symbolisch bei jeder Partie dabei.
Nach der Veröffentlichung seiner Bücher rundum die Welt des Fußballs, startete Zeigler 2018 seine Live-Tour „ Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“. Ohne Scham und mit kuriosen Anekdoten über die Ball-Junkies sorgt er für große Lacher.
Momentan fallen für den Verein und somit auch für Arnd Zeigler harte Zeiten an. Die Mannschaft strauchelt. Niederlagen über Niederlagen sind an der Tagesordnung. In seiner Kolumne auf jetztlosleben.de gibt er uns einen Einblick in seine Gefühlswelten rund um den die schwere Phase des SV Werder Bremen. Zwischen Zweifel und Hoffnung. Und einem Rezept zur Gelassenheit.

Arnd Zeigler

Arnd Zeigler

Arnd Zeigler: Versicherung gegen Niederlagen

Ich brauche eine Versicherung gegen Niederlagen. Dringend. Ich meine hiermit keine privaten Niederlagen, sondern die meines Lieblingsvereins. Letztlich ist aber beides dasselbe. Natürlich sollte es ein Leben neben dem Fußball geben, auch wenn das manchen absurd erscheinen mag. Aber eine richtig schlechte Phase Deines Fußballvereines fühlt sich für einen Fußballfan genauso an wie Jobverlust, Scheidung oder Knochenbruch.

Umgekehrt auch: Eine überraschend gute Phase wiederum liefert Hochgefühle irgendwo zwischen Lottogewinn, Verliebtsein und Urlaub. Als alle bei Werder Bremen vor der Saison unisono verlauten ließen, dass der Verein gerne wieder um europäische Plätze spielen möchte und dies wie auf Knopfdruck durch tolle Spiele und ebensolche Resultate unterfütterte, da schwebte halb Bremen auf Wolke 7. Auf einmal war es weg: Dieses Gebückte, Mutlose. Das einen Werder-Fan jahrelang wie zentnerschwerer Nebel eingehüllt hatte. In solchen Phasen fühlt man mit der Mannschaft automatisch als „wir“ und nicht mehr als „die“. Man liest die Zeitung gerne, geht montags gerne zur Arbeit und erlebt auch den Kontakt mit guten Freunden aus Hamburg erheblich gelassener als nach Niederlagenserien.

Momentan freilich erleben wir Bremer eine ebensolche Niederlagenserie. Die Zeitungsüberschriften klingen unheilvoller, die Zwischentöne in sozialen Netzwerken übelgelaunter und die Angst vor dem Gebückten, Mutlosen ist wieder da. Ebenso plötzlich, wie sie im Sommer weg war. Erste Empörung macht sich breit, genährt von piekenden Zweifeln an der Hochstimmung des Sommers: „Herrjeh, und ich war so dumm, an sonnigere Zeiten zu glauben!“

Ich aber sage euch: Haltet ein!  Niederlagenserien sind doof, aber sie gehören dazu. Im September war nicht alles super und jetzt ist nicht alles Mist. Denn das ist der ganze Witz: Das Anstrengende am Fußballfandasein ist die Furcht vor einer vielleicht nur geringen Halbwertszeit der sonnigen Tabellenplätze und die Gewissheit, es gehe möglicherweise viel schneller wieder abwärts als erhofft.

Im Leben geht es eigentlich immer schneller abwärts als erhofft. Warum sollte das im Fußball anders sein? Und warum sollte das schlimm sein? Es gehört dazu. „After Regen comes immer Sonne“, hat mal Werder Bremens ehemaliger Stürmer Rade Bogdanovic gesagt. Er hatte damit sehr recht. Manchmal dauert der Regen länger, manchmal ist es nur eine Husche. Er geht aber nicht schneller vorbei, wenn man sich vor ihm fürchtet.

Junger Mann verschlägt die Hände über sein Gesicht
„Ich aber sage euch: Haltet ein! Niederlagenserien sind doof, aber sie gehören dazu.“

Die Konsequenz daraus: Niederlagenserien sind doof, aber kein Schicksalsschlag und auch keine Naturkatastrophe. Auch wenn sich das manchmal durchaus anders anfühlt. Sie gehen auch durch Empörung oder persönliches Beleidigtsein nicht rascher vorbei. Nie.

Was aber ergibt sich daraus für uns? Vor allem eines: Seien wir enttäuscht, aber bemühen wir uns um eine gelassene Enttäuschung. Wir sind schließlich Norddeutsche. Um hysterisch zu werden, müsste schon einiges passieren. Verabscheuen wir Niederlagen weiter von Herzen, aber freuen wir uns umso mehr auf den nächsten Sieg. Jedes Gurkenspiel, das Werder durch einen schmeichelhaften, im Nachschuss verwandelten Elfmeter in der Nachspielzeit gewinnt, wird sich nach fünf Spielen ohne Sieg deutlich besser anfühlen als es je ein Bayernfan wird nachfühlen können.

Und deshalb: Verschone uns bitte vor weiteren Niederlagen, lieber Fußballgott. Wenn möglich. Wenn nicht möglich, dann schenke uns die Gelassenheit, die uns zu dem gemacht hat, was man nicht lernen kann: Zu Werder-Fans.

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