Arnd Zeigler am Schreibtisch

Arnd Zeigler: Sommer in Bremen. Teil 9

Ich hätte so gerne eine Versicherung gegen den Herbstbeginn. Natürlich, auch der Herbst hat schöne Tage. Jedoch: Der Sommer in Bremen fühlt sich so großartig an, wie nur an wenigen Orten sonst, weltweit. Ein waghalsiger Einstieg, ich weiß. Aber ich darf sowas schreiben. Ich bin Bremer.

Es war ein im Grunde toller Auftritt, wenn man davon absieht, dass James Brown drei Stunden später als angekündigt auftrat und ich das komplette Konzert mit einer unfassbar großzügigen Portion Bohnensuppe in meiner Hose verbracht habe. Die habe nicht ich dort aufbewahrt, die kam von meinem Hintermann. Ich werde also James Brown für immer mit Bohnensuppe in Verbindung bringen, wahrscheinlich als einziger Mensch der Welt. Ich war nahezu komplett voll mit Bohnensuppe. Das ist ein echter Skandal, denn normalerweise ist man bei Festivals komplett voller Ravioli. Das ist nämlich ein ganz wichtiges Festivalding: Ravioli aus der Dose.

Vergleichen wir mal. Wenn es in Hamburg heiß wird, also ab 14 Grad aufwärts, rottet sich die halbe Stadt am Elbstrand zusammen und trinkt zwei Bier (18 Euro) in irgendeinem der hippen Strandcafés. Anderswo in Deutschland fährt man an den Wannsee, in die nahen Alpen oder legt sich an den Rhein. Das alles hat fraglos auch seine schönen Facetten, aber ist kein Vergleich zu einem Sommer in Bremen. Denn der ist, wie alles in Bremen vor allem: Unaufgeregt. Und deshalb toll.

Sobald es draußen warm wird, haben wir BremerInnen die freie Auswahl. Wir können in den Bürgerpark und dort ’ne Runde rudern. Danach Minigolf und Eis essen. Wir können uns am Café Sand in selbigen legen und gleichzeitig Bier trinken, der Weser beim Fließen zuschauen und gedankenverloren das Weserstadion im Blick haben. Einen romantischeren Anblick gibt es ja ohnehin nicht.

Ich wohne relativ zentral, mitten in Bremen. Wenn mich Menschen aus dem westdeutschen Raum besuchen, was beruflich sehr häufig vorkommt, dann sind sie von unserer nicht großen, aber auch nicht kleinen Stadt direkt am Fluss in der Regel sehr angetan. Ich bin in fünf Minuten an der Weser, in fünf Minuten am Stadion, in fünf Minuten mitten im Park und in sechs Minuten in der Innenstadt. Und wenn das alles mal nicht reicht, bin ich in einer Stunde an der Nordsee. Das alles ist toll, vor allem im Sommer. Angenehm auch: Hier macht sich niemand übertrieben schick, um an Sommerabenden gesehen zu werden. Hier gibt es auch keine angesagten Hot Spots, an denen man unbedingt gesehen werden möchte.

Wenn ich an einem schönen Sommertag durch die Bremer Innenstadt laufe (ich wollte erst „flaniere“ schreiben, aber dieses Wort gaukelt eine gewisse Eleganz und Leichtfüßigkeit vor – deshalb: laufe), fühlt sich das spätestens auf dem Marktplatz an wie Urlaub. Ich kann diesen Ort im Grunde nicht überqueren, ohne wie der stoffeligste Tourist reflexartig Fotos von Roland und Rathaus zu schießen. Und wenn es die Zeit zulässt, muss ich mich zwingend in eines der umliegenden Cafés setzen und einen Eisbecher von der Größe eines Bulldozers bestellen.

Das schon erwähnte Café Sand ist einer meiner Lieblingsplätze, wenn die Sonne über Bremen scheint. Hey – man kann dort Beachvolleyball spielen, schwimmen, gesellig zusammensitzen, ein bisschen kicken und zwischendurch gut essen. Ich gestehe allerdings: Wenn es richtig warm ist, ist es vor allem ein verdammt guter Ort, um einfach mal faul zu sein. In diesem Fall fallen die sportlichen Aktivitäten ersatzlos weg und ein Aufenthalt am Café Sand besteht aus „zwischendurch gut essen“, gefolgt von einer Pause und abermaligem „zwischendurch gut essen“. Aber das ist auch toll.

Ein Bekannter schwärmte mir dieser Tage vor, wie toll es im Sommer bei Werder-Heimspielen rund ums Stadion herum sein soll. Buntes Treiben auf den Wiesen am Deich, mit der Picknickdecke und ein bisschen Proviant auf den Fluss schauen und dabei zuhören, was im Stadion passiert – das soll großartig sein. Ich kann das nicht beurteilen. Ich bin dann ja immer im Stadion drin.

Es ist wirklich schön bei uns, bei Sonne betrachtet. Niemand muss neidisch auf uns sein, aber umgekehrt auch nicht. Abgesehen davon, dass mir Freunde aus Freiburg in Breisgau stets den Eindruck vermitteln wollen, dass es bei ihnen im Schnitt 10 Grad wärmer ist und der Sommer drei Monate früher beginnt und zwei Monate später endet als in Bremen. Das ist vielleicht auch die winzige Schwachstelle meiner Schwärmereien. In den meisten Jahren meines Lebens dauerte der Sommer in Bremen immer etwa zwei Tage. Aber die waren fantastisch.

Arnd Zeigler

Arnd Zeigler

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