Arnd Zeigler am Schreibtisch

Arnd Zeigler: Herbst in Bremen. Teil 10

Ich hätte so gerne eine Versicherung gegen den Herbstbeginn. Und wer jetzt ganz doll aufgepasst hat bemerkt in dieser Sekunde: Mensch, die letzte Kolumne … fing die nicht mit GENAU DEM SELBEN Satz an? Stimmt. Damals, als noch Sommer war. Seinerzeit hatte ich mich zum 54. Mal in das sommerliche Bremen verliebt und mir zum 54. Mal vergeblich gewünscht, dass der Bremer Sommer diesmal bitte bleiben möge. Wenn nicht für immer, dann wenigstens bis Ende Oktober. Töricht. Derartige Wünsche sind überall dusselig, aber besonders hier in Bremen und umzu, wo sich überdurchschnittliche Sommertage und durchschnittliche Herbsttage nur mit der Lupe voneinander unterscheiden lassen.

Natürlich hat auch der Bremer Herbst schöne Tage. Den Freimarkt zum Beispiel. Dann fängt es immer an, draußen kalt und ungastlich zu werden. Vermutlich, weil sich der Wettergott sklavisch nach unserer fünften Jahreszeit richtet: „Oh, ist schon wieder Freimarkt? Dann mal schnell Regen und Wind!“. Ist uns dann aber auch egal, denn wir Bremer wollen das auch gar nicht anders. Wir wollen unseren Freimarkt so, wie wir ihn seit eh und je kennen. Laut, nass und leuchtend. Und der erste Vorbote steht schon seit Ende August auf der Bürgerweide. Aus Gründen, die wir vermutlich lieber gar nicht so genau kennen möchten. Die „Königsalm“ zaubert einen Hauch Oktoberfest auf unsere Bürgerweide. Vermutlich in Tateinheit mit sogenannter „Gaudi“. Ist das nicht seltsam? Wir importieren für unser eigenes großes Volksfest im Norden das Flair eines anderen großen Volksfestes im Süden. Mit welchem Hintergedanken eigentlich? Oder, wichtiger noch: Exportieren wir dafür auch irgendetwas typisch Bremisches nach München, zum Cannstatter Wasen, das Schützenfest in Hannover oder gar auf den Hamburger Dom? Meines Wissens nicht.

Aber nur mal angenommen, wir täten es doch – was genau könnten wir denn als Gegengeschenk aus Bremen nach München zum Oktoberfest schicken? Unser Wetter scheidet aus, siehe oben. Den Roland als Maskottchen? Das wollen wir ihm mal nicht zumuten. Unser Bier? Das hätten die wohl gerne. Den Ratskeller als Nachbau aus Holz und Pappmaché? Klingt als Plan unrund. Claudio Pizarro? Hatten die da in München schon viel zu lange. Abertausende von Fischbrötchen? Vermutlich chancenlos gegen die Schweinebraten-Mafia.

Vielleicht sagt der merkwürdige Umstand, dass der Freimarkt in Teilen wie ein norddeutsches Oktoberfest wirken soll, sehr viel über den Unterschied zwischen Bremen und München aus. Der Münchner an sich ist vermutlich der Ansicht, im Idealfall die ganze Welt an den Errungenschaften seiner Stadt teilhaben zu lassen. Wir Bremer sind da anders. Zu uns muss man kommen und auf uns muss man sich einlassen, um herauszufinden, wie schön es bei uns ist. Und das muss man vor allem erst einmal wollen. Ich wurde einmal gefragt, welche Persönlichkeit aus Politik, Sport oder Kultur, lebend oder schon tot, meiner Ansicht nach Bremen, seine BürgerInnen, die Atmosphäre der Stadt und typisch bremische Tugenden am besten verkörpern könnte. Nach langem Überlegen entschied ich mich für Hans-Joachim Kulenkampff, ganz knapp vor Thomas Schaaf. Kulenkampff, weil er gewitzt war und zurückhaltend, schlau und leise, lustig und bescheiden, mit Talenten reich gesegnet, und dennoch ein brillanter Verfechter des Understatement. Und Thomas Schaaf, weil er gewitzt ist und zurückhaltend, schlau und leise, lustig und bescheiden, mit Talenten reich gesegnet, und dennoch ein brillanter Verfechter des Understatement.

So ist Bremen. Und damit im Grunde das Gegenteil dessen, was man mit dem Oktoberfest assoziiert. Das ist nicht schlimm. Alles zu seiner Zeit. Unsere Zeit kommt Mitte Oktober, wenn der Bremer Sommer wie immer nur noch eine schöne Erinnerung sein wird. Wenn die ganze Stadt magisch angezogen wird vom Glitzermeer rund um das golden scheinende Riesenrad, von der Sinfonie der typischen Düfte, den akustisch mirakulös ineinander verwobenen Discohits und Kirmesschlagern aus einer Armada pochender Lautsprecher, den ewig näselnden Fahrgeschäfte-AnsagerInnen, den Losbuden, Pilzpfannen und Firmenausflüglern vor den Bierständen und und und. Mich trefft ihr ziemlich sicher beim Kamelrennen.

Arnd Zeigler

Arnd Zeigler

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