Arnd Zeigler am Schreibtisch

Arnd Zeigler: Festival Life Hacks. Teil 8

Auf einem Festival in Bruchhausen-Vilsen habe ich mal James Brown gesehen. Ein Einstiegssatz in eine Kolumne, der für jüngere Menschen wohl so ähnlich klingen mag wie „Ich habe neulich mit Ludwig van Beethoven telefoniert!“.

Arnd Zeigler

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Arnd Zeigler: Festival Life Hacks.

Es war ein im Grunde toller Auftritt, wenn man davon absieht, dass James Brown drei Stunden später als angekündigt auftrat und ich das komplette Konzert mit einer unfassbar großzügigen Portion Bohnensuppe in meiner Hose verbracht habe. Die habe nicht ich dort aufbewahrt, die kam von meinem Hintermann. Ich werde also James Brown für immer mit Bohnensuppe in Verbindung bringen, wahrscheinlich als einziger Mensch der Welt. Ich war nahezu komplett voll mit Bohnensuppe. Das ist ein echter Skandal, denn normalerweise ist man bei Festivals komplett voller Ravioli. Das ist nämlich ein ganz wichtiges Festivalding: Ravioli aus der Dose.

Meine innere Haltung zu Festivals ist kompliziert. Ich liebe Musik. Ich liebe gute Konzerte. Ich liebe es, Musik und gute Konzerte mit Freunden zu teilen. Aber ich mag wirklich keine Bohnensuppe. Andere Festivalrituale sind wiederum toll. Ravioli zum Beispiel. Oder: Sich auf dem Festivalgelände hysterisch kreischend mit anderen Festivalbesuchern fotografieren zu lassen, die ganz entfernt irgendwelchen Prominenten ähneln. Oder: Schlafende Mit-Festivalgäste unbemerkt kunstvoll dekorieren und anschließend ein Beweisfoto zu machen.

Ich bin mit meinem Bühnenprogramm „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs – live“ letztes Jahr selbst auf einem Festival aufgetreten. Die Bühne war etwas erhöht, so dass die Bohnensuppe mich nicht erreichen konnte. Das war toll! Meine Garderobe befand sich neben der von Madness, wahre Helden meiner Jugend. Und das ist auch mit das Schönste an Festivals: Man kommt Musikern sehr nahe, die man möglicherweise schon immer verehrt. Ich habe auf einem Festival in Schüttorf verstohlen David Bowie dabei zugeschaut, wie er sich das Gesicht wäscht. Es war ein Moment unglaublicher Reinheit, in mehrfacher Hinsicht.

Im Juli kann man beim Deichbrand-Festival in Cuxhaven campen, gemeinschaftlichen Unsinn im Kopf haben und den Chemical Brothers zuhören. Oder Fettes Brot dabei zuschauen, wie sich die Jungs das Gesicht waschen. Gegenseitig. Ich werde sicher dabei sein. Und jetzt, da ich das schreibe, wird mir klar: Man darf sich niemals nachlässig vorbereitet auf ein Festival begeben.

Es gibt diverse schlaue Dinge, oder wie man heute sagt: Life Hacks, um bei einem Festival auch in einer brachial lebensfeindlichen Umgebung für alle Widrigkeiten gerüstet zu sein. Wissenswert dabei: Die Temperaturen und damit einhergehenden Tiefdruckgebiete im Sommer orientieren sich interessanterweise grundsätzlich daran, wo in Deutschland gerade ein Festival stattfindet. Gegen Erfrierungen aller Art hilft hier vorzüglich die batteriebetriebene Zweier-Reiseherdplatte, die eigentlich für die Ravioli gedacht war. Allerdings nur etwa einen Tag lang. Gegen den unvermeidlich eintretenden Tinnitus ab dem 2. Festivaltag wiederum hat sich eine sehr eng zusammengerollte Isomatte bewährt, die man sich mit etwas Übung und Geschick und mit mehreren brutal zur Hand gehenden Personen recht effektiv fest ins Innenohr schrauben kann. Gegen knöcheltiefen Schlamm empfehlen sich Gummistiefel. Gegen den sehr viel häufiger bei Festivals auftretenden hüfthohen Schlamm hingegen hilft leider nichts.

Den abendlichen Verlust der Muttersprache und bohrende Kopfschmerzen am Abend bekämpft man prophylaktisch am besten, indem man weniger trinkt als alle anderen. Die bohrenden Kopfschmerzen aller anderen wiederum vermeidet man kinderleicht, indem man sich rasch neue Freunde sucht.

Es wird deutlich: Der Besuch eines herkömmlichen Festivals wie z.B. dem „Deichbrand“ ist nichts für Weicheier. Aber das ist es ja eben: Ginge es um die Musik, dann könnte man sich das alles zuhause in einem bequemen Fauteuil (auch Sessel genannt) im Livestream anschauen. Aber das will niemand. Es geht um das Dabeisein, ums Überleben, um die Gemeinschaft. Eines der letzten, großen Abendteuer der Menschheit. Oder, um es ganz deutlich zu sagen: Fünf Festivalteilnahmen wirken auf den menschlichen Organismus etwa so wie die Besteigung eines Achttausenders, nur insgesamt viel lustiger.

Außer, es kommt Bohnensuppe ins Spiel.

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