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Arnd Zeigler: Besserwisser. Teil 6

Ich brauche ganz dringen eine Versicherung gegen verfehlte Prognosen. Es ist nämlich so: Wenn ihr davon ausgeht, dass ich öfter mal im Unrecht bin, habt ihr damit völlig Recht. Ich wiederum bin grundsätzlich im Unrecht, wenn ich denke, ich sei immer im Recht. Erstaunlicherweise gilt auch dies: Am massivsten sind wir alle immer dann im Unrecht, wenn wir denken, wir seien nie im Unrecht.

Arnd Zeigler

Arnd Zeigler

Arnd Zeigler: Besserwisser

Das Schöne an diesen verwirrenden Umständen ist: Nirgendwo sonst ist man damit besser aufgehoben als beim Fußball. Denn kein anderer Bereich unseres Lebens besteht aus einem derart rasanten Ringelreihen von Rechthaben, groben Irrtümern, Fehleinschätzungen und genialischen Geistesblitzen, denen dann wieder bizarre Irrtümern und prophetische Vorahnungen folgen.

Meistens haben wir als Fans oder, nun ja, „Fachleute“ immer alles schon vorher gewusst. Das ist ganz wichtig. Die prominentesten Fußball-Fachleute sind nicht die, die sich am seltensten irren sondern die, die am penetrantesten und besonders laut darauf hinweisen, dass sie in alles schon vorher wussten. Das Tolle am Fußball ist dabei: Man weiß nie genau, WANN man Recht haben wird. Man muss in der Regel standhaft bei seiner störrischen These bleiben und abwarten.

Nehmen wir den Bundestrainer und die öffentliche Wahrnehmung seiner Arbeit. Hei, wie erschall es klirrend durch die sozialen Netzwerke! „Mit diesem Kader brauchen wir zur WM gar nicht anzutreten!“ – „Nach der Vorrunde ist sowieso Ende!“ – „Der hat doch keine Ahnung – schon wieder nimmt der die völlig falschen Leute mit!“

Das waren so in etwa die aufgeregten Wortmeldungen vieler Fans vor der WM. Allerdings nicht vor der tatsächlich furios versemmelten WM 2018, sondern aus der Zeit vor der WM 2014, in der Deutschland unter demselben ahnungslosen Bundestrainer Weltmeister wurde. Mit einem wirklich guten Trainer freilich hätten sie gegen die Brasilianer wahrscheinlich 15:0 gewonnen und nicht bloß 7:1.

Nach der WM 2018 aber bekamen all diese Aussagen plötzlich ganz neues Gewicht. Auf einmal war das doch alles richtig, nur eben später. Ein chorgleiches „Hab‘ ich doch damals schon gesagt!“ trompetete durch Fußballdeutschland. Und auch das ist typisch für den Fußball an und für sich: Irgendwann hat man halt immer Recht. Manche öfter, manche seltener.

Manche müssen etwas länger warten, bis sie mal Recht haben.

Ein bisschen Sitzfleisch brauchen beispielsweise diejenigen, die vor ein paar Jahren total sicher waren, dass Borussia Dortmund mit diesem Robert Lewandowski ordentlich ins Klo gegriffen hatte. Fast 5 Millionen für diesen Chancentod, der nicht halb so gut ist wie Lucas Barrios, wie ja jeder mit auch nur einem Fünkchen Sachverstand sofort sehen müsste.

Bis Lucas Barrios nun in der Lage sein wird, Robert Lewandowski den Rang wieder abzulaufen, wird allem Anschein nach eine sehr lange Zeit vergehen. Und ich bin sicher, dass ich mit dieser Behauptung Recht haben werde.

Am meisten Spaß macht es, vernichtende Urteile über Trainer zu fällen. Das klappt immer völlig, denn jeder Trainer ist irgendwann wieder weg. Das ist viel sicherer als bei der neuen Freundin des besten Kumpels. Die ist manchmal viel länger da als man dachte. Bei Trainern passiert das so gut wie nie.

Am bedrückendsten sind solche Vorgänge in Städten wie Hamburg oder Stuttgart, wo sich jeder neue Trainer stets mit nahezu identischer Wortwahl der Journaille vorstellt und auf seiner Einstandspressekonferenz den Medienvertretern erklärt, dass der HSV oder der VfB Stuttgart ganz phantastische Trainerjobs zu bieten hätten, zu denen man natürlich nicht „Nein“ sagen könne.

Die etwas zurückhaltend beeindruckten Journalisten haben diese Aussagen jedoch von den acht Vorgängern des neuen Trainers auch schon gehört und denken in solchen Momenten simultan sinngemäß so etwas wie: „Maximal vier Monate!„.

Das Paradebeispiel für das Phänomen der Besser- und Schlechterwisserei im Fußball ist das Abschneiden der Bayern in dieser Saison. Vor genau einem Jahr wurde der Liga auf viele Jahre im Voraus eine grausame Langeweile vorausgesagt, weil außer den Bayern kein anderer Verein mehr jemals Deutscher Meister werden könne. Im September dann war denselben Leuten klar, dass die Bayern komplett am Ende sind und dass dieser Trümmerhaufen von einem schlecht zusammengestellten Kader mit einem überforderten Trainer Kovac dem baldigen Untergang geweiht sei. Nun werden sie möglicherweise trotzdem erstmal Meister.

Es ist und bleibt ein großer Spaß für die ganze Familie! Wertvoller Rat von mir: Unbedingt standhaft bleiben. Im Fußball hat niemand endgültig Recht, aber wir alle haben immer mal vorübergehend Recht. Es ist genug triumphierendes „SIEHSTE!“ für uns alle da! Stark sein und abwarten! Irgendwann trifft alles ein! Ganz sicher!

Es sei denn, ich täusche mich.

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